Wenn man an Nepal denkt, dann hat man schnell den Himalaya im Kopf mit seinen höchsten Bergen der Welt. Man stellt sich vielleicht weite grüne Wiesen vor, über denen tibetische Gebetsfähnchen hängen. Ich für meinen Teil dachte zudem, Nepal sei buddhistisch, weil es so nah an Tibet und China ist. Und kalt, das hatte ich auch erwartet. So war ich doch etwas überrascht und minimal enttäuscht, in einem von Stau und Luftverschmutzung verstopften Kathmandu anzukommen.

Mit seinen knapp 4 Millionen leben immerhin eine ganze Menge der 30 Millionen Nepalis in der Hauptstadt im Landesinneren. Hier spielt die Musik, hier gibt es Arbeit und dementsprechend auch eine wachsende Anzahl an Menschen, Autos und Häusern. Alleine in den letzten 3 Jahren hat die Verschmutzung offenbar sichtbar zugenommen. Es werden immer mehr Autos importiert und zu Special Offers verkauft, doch wohin damit? Die Straßen sind nicht nur zu Stoßzeiten hoffnungslos überlastet. Im Gegensatz zu Tunis gibt es hier nicht einmal ein funktionierendes öffentliches Transportsystem. Keine Eisenbahn im ganzen Land bis auf eine kleine Ausnahme aus Richtung Indien. Keine Tram, Straßenbahn, U-Bahn. Zusätzlich dazu werden sämtliche Verkehrsregeln sowasvon mit den Füßen getreten, wie es nur irgendwie geht. Doch beim Heimweg um 17 Uhr vom Touristen-Stadtteil Thamel nach Hause habe ich auch schnell verstanden, warum. Würde hier die Spur mit einem Fahrzeug hinter dem anderen eingehalten werden, dann böte die Stadt nicht mehr genug Platz, um alle Autos und Motorräder und Taxen und Busse und Kleinbusse und Tuktuks hintereinander fahren zu lassen. Es ist also ein ständiges Auf-und-ab.

So habe ich wirklich großes Glück, direkt in der Nähe der Botschaft zu wohnen, denn sonst würde ich wohl täglich Wutanfälle bekommen. Mit der dritten Station dieses Jahres schwinden so langsam meine Geduld und meine Akzeptanz für Dinge, die ich partout nicht verstehen kann. Es klingt so hart und verbittert, vielleicht bin ich das auch tatsächlich. Was mich daran aber so wütend macht ist die Unnötigkeit dessen. Es wäre so einfach, Abgasfilter zu bauen, hier vor Ort in Nepal zu produzieren und diese dann innerhalb von einem Jahr in jedes Fahrzeug einzubauen. Damit könnte man schlagartig die Feinstaubbelastung in Kathmandu reduzieren. Wozu das gut wäre? Es würde die Lebensqualität der Millionen Nepalis deutlich verbessern, würde die Anzahl der jährlichen Lungenkrebstoten senken und die Gesundheit aller stärken. Doch warum klappt es nicht? Aus puren Partikularinteressen, von einer maoistischen Regierung, der die Gesundheit ihrer eigenen Bevölkerung offenbar nicht wirklich am Herzen liegt? Natürlich ist gerade in der Winterzeit die Belastung durch das Heizen zudem enorm und sicherlich pusten viele Industrien auch munter Co2-Austoße in die Luft. Doch wäre es nicht vielleicht ein erster Schritt, um dem Smog entgegenzuwirken? Gerade erzählte mir mein Gastvater, dass in seiner Kindheit noch das gesamte Himalaya-Panorama täglich zu sehen war. Sie wirkten unglaublich nah, sagt er. Mittlerweile sind sie nur nach tagelangem Regen zu sehen, der allen Dreck aus der Luft gewaschen hat.

Doch auch hier gibt es viele Organisationen, die sich engagieren, die Gutes bewegen und die sich dafür einsetzen, dass Nepal sich hin zu einer freien, demokratischen, gleichberechtigten und voranstrebenden Nation entwickelt. Wenn man zurückblickt hat sich hier auch in den letzten Jahren unglaublich viel verändert, sodass es letztlich doch verständlich ist, dass noch nicht alles funktioniert. Noch nicht lange ist Nepal überhaupt nach außen geöffnet, nach langen Jahrzehnten der Verschlossenheit expandierte neues Gedankengut regelrecht explosionsartig. Importe brachten dem sehr traditionsbedachten Volk eine Masse an Plastik, Alu und anderen Materialien, die nicht mehr Jahrzehntelang hielten und zudem nicht mehr von der Natur abgebaut werden konnten. Zudem gerieten Produktion und Konsum außer Kontrolle, immer mehr Familien bekamen die Möglichkeit, an diesem Wirtschaftsaufschwung Teil zu haben. Kein Wunder letztlich, dass das Bewusstsein fehlt, mit diesen Stoffen sorgsam umzugehen, Müll zu trennen und verantwortungsvoll an die Umwelt mitzudenken. In sofern bin ich hin-und-hergerissen, Nepal einfach noch ein wenig Zeit zu geben, mit diesen Komplikationen selbst fertig zu werden oder doch daran zu appellieren, dass es hier ohne Einfluss von außen auch in den kommenden Jahren keine nennenswerten Fortschritte geben wird. Ist dafür die maoistische Regierung, die als Endziel den Kommunismus sieht, wirklich der beste Partner auf dem Weg zu einem sauberen, freien, besseren Nepal?

Bei einem Ausflug in der zweiten Woche in Nepal konnte ich jedoch auch eine Erfahrung machen, die wiederum eine weitere Ebene hinzufügt. Während des tieffliegenden Landemanövers über die Berge um das Kathmandutal herum bekam ich schon einen kleinen Eindruck von Reisfeldern im Treppenanbau, grünen Hügeln und lang gestreckten Dörfchen, die deren Kämme zieren. Zu der Bergstation von Chandragiri braucht man bei Stoßzeiten zwar zwei Stunden obwohl es von der Botschaft mit bloßem Auge zu erkennen ist, doch es lohnt sich. Schon hier, wenige Kilometer von meinem Zuhause entfernt, lässt man den Smog hinter sich und hat plötzlich klare Sicht auf die Berge des Himalaya, die wirklich unglaublich nahe sind. Die Seilbahn bietet einen unglaublichen Blick rüber nach Kathmandu und tief runter in das Tal, während sie langsam den Berg hinaufführt. Oben angekommen ist der Ausblick wirklich genial, atemberaubend und die Luft frisch wie nie zuvor in Kathmandu. Mit bloßem Auge ist der Mount Everest zu erkennen, die ganze Kette an Achttausendern ist von hier zum Greifen nah. Da muss ich doch sagen, dass ich einfach eine Bergperson bin, wo sich mit Schritt für Schritt die Sicht ändert. Ich hatte wirklich Glück, an diesem Ausflug teilzunehmen. Er lässt mich auch im Straßenchaos wieder aufhorchen und mich vergewissern, dass diese Stadt nicht alles ist und nur einen kleinen Ausschnitt dieses schönen Landes zeigt.

Insofern für euch ein weiterer Einblick in Kathmandu und Umgebung, ein kleines Stück vom Mosaik, das wohl so weit noch vergrößert werden könnte. Hoffentlich geht’s bald wieder hoch in die Berge, ich freue mich schon.

One thought on “Living in … Kathmandu!”

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