In einer Gastfamilie unterzukommen hat ja wirklich einige Vorzüge. Nicht nur, dass wir abends zusammen Nepalesisch kochen und immer Tee für mich bereit steht, auch ist immer jemand da, wenn es brennt oder um etwas gemeinsam zu unternehmen. So ging es an meinem dritten Tag in Nepal bereits zu einer kleinen Familienfeier hoch in Richtung Berge in ein ehemals kleines Dorf, das nun von Kathmandu vereinnahmt wurde. Dort kamen die engsten Verwandten des Mannes der Schwester meiner Gastmama zusammen, um gemeinsam in der frischen Luft und guter Gemeinschaft den Samstag zu genießen. Die engsten Verwandten waren hier jedoch bereits 25 Menschen, denn wie mir versichert wurde, um die 600 Menschen zu einer Familie zählen. Hier überlegt man es sich dann doch zweimal, ob man sich eine Hochzeit mit den allerengsten Verwandten (80 Leute) oder wirklich mit der ganzen Großfamilie leisten kann.

In einem kleinen Abenteuer ging ich nach dem Frühstück, das für mich meist in Tee und Müsli besteht, über einen Geheimweg zur großen Straße, von der aus wir direkt einen Bus sogar mit Sitzplatz bekamen. Diesen Luxus findet man unter der Woche wohl seltenst, da ohne Metro oder sogar Zugsystem der Verkehr stark auf einer geringen Anzahl öffentlicher Transportmittel lastet. Das merkt man wiederum in der hohen Luftverschmutzung, die ich in Deutschland bislang noch nie annähernd so erlebt habe. Sehr viele Nepalis tragen hier Mundschutz, um besonders junge Lungen vor dem Smog zu schützen. In einem Tempel sah ich sogar Fotos von Gurus, die mit Mundschutz posierten, um mehr Aufmerksamkeit auf den Selbstschutz zu legen. Doch eine Lösung dessen ist dies auf keinen Fall, da doch viel eher Abgasfilter oder eine generelle Reduktion des Verkehrs der bessere Ansatz wären. Mal sehen, wann es dazu einmal kommt.

Im Straßengetummel beim Umsteigen merkte ich doch schnell, dass ich durch meinen einjährigen Aufenthalt in Indien doch eine sehr dicke Haut bekommen habe. Oft sagt man ja, dass man in den Ruhezeiten und Pausen erst wirklich lernt, aber so stark wie an diesem Tag habe ich einen Lerneffekt selten gespürt. Ich merkte, wie mich das Wirrwarr und das viele Plappern, Hupen und Rattern nicht mehr aus dem Gleichgewicht brachte, wie es damals der Fall war. Ich spannte mich auch nicht allzu sehr an, sondern beobachtete weiterhin aufmerksam das Geschehen und die Reaktionen, die ich auslöste. Vermutlich war Indore als Kleinstadt (2012: 5 Millionen Einwohner) damals doch durch seine Touristenlosigkeit eine Ausnahme, aber bei jedem Schritt von Rufen, anzüglichen Kommentaren und Fotografieren begleitet zu werden, war doch auf die Dauer sehr anstrengend. So genieße ich es hier umso mehr, zwar als Weiße erkannt und registriert zu werden, doch ohne Konsequenzen einfach weiterziehen gelassen werde. Kathmandu ist also eine ideale Stadt, um in Nepal auf Anhieb einzutauchen und doch eine gewisse Freiheit zu behalten.

Als der zweite Bus am Ende der Straße und auch ziemlich am Ende der Stadt angekommen ist, steigen wir aus, um uns einen ersten Tempel anzuschauen. Hier liegt ein Gott auf dem Wasser und in langen Schlangen warten die Hindus, die einen Großteil der nepalesischen Bevölkerung ausmachen, auf ihr Gebet. Sie haben Blumenketten und kleines Gebetszubehör dabei, das unter anderem aus roter Farbe für die Segnung, kleinen Kerzen und Räucherstäbchen besteht. Oft werden dem Gott auch Opfergaben dargereicht. Von solchen Tempeln geht doch immer auch für mich als nicht Hindugläubige eine starke Spiritualität aus, die ich sehr wertschätze. Im Hintergrund hört man verschiedene Mantras, die gespielt werden, um die Gebete zu begleiten. An einigen Stellen werden scheinbar rituelle Waschungen vorgenommen, Kerzen entzündet oder gemeinsam gebetet. Oft wirkt es jedoch durch die große Anzahl an Menschen wie eine Veranstaltung, in der wenig Gemeinsamkeit herrscht. Jeder und jede bringt ihr Opfer dar und führt seine Gebete durch, doch einen Gottesdienst wie wir ihn kennen, scheint es hier nicht in dieser Form zu geben. Viel eher hat jedes Haus einen kleinen Gebetsraum, in dem (jetzt gerade am Sonntagmorgen zum Beispiel) morgens ein Puja und abends ein Aarti gebetet wird. Puja ist ein ausführliches Gebet, während Aarti nur eine kurze Abfolge beinhaltet. Am Ende jedes Gebetes wird eine Glocke geläutet, was dann doch ein wenig Gemeinsamkeit bietet, da es bis in die Nachbarhäuser zu hören ist. So höre ich oft morgens nach dem Aufwachen Musik oder das Klingeln einer Glocke von Tante Shailini von gegenüber.

Am Sommerhäuschen der Familie angekommen bin ich doch erst ein wenig enttäuscht, da ich doch gehofft hatte, 8 Kilometer Entfernung würde schon außerhalb von Kathmandu liegen. Doch auch hier ist die Luft deutlich klarer, es ist kälter, das kleine, süße Haus hat einen Garten und die Sonne scheint wunderbar. So wird es ein toller Tag mit leckerem Essen, lieben Menschen und einem nepalesischen Kartenspiel das ich lerne. Es ist spannend, da es eine Abänderung von Rommie mit seinen Reihen und Drillingen ist, doch durch einen von Spiel zu Spiel verändernderen Trumpf bereichert wird. Auch wird hier mit Geldeinsatz gespielt, wohingegen ich mit 42 nepalesischen Rupien (115 Rupien sind 1€) den höchsten Gewinn hatte. Anfängerglück.

Schwierig ist es jedoch, das Nepali zu verstehen, da es wie genuscheltes Hindi klingt, in dem die Vokale durcheinander geraten sind und die Geschwindigkeit verdoppelt wurde. Nach und nach erkenne ich nun einige Worte oder dem Hindi ähnelnde Redewendungen wie „Hee Baguan!“, das unserem „Mein Gott!“-Ausruf ähnelt. Doch ist es spannend, beim Lernen wie in Retrospektive die Zeit in Indien Revue passieren zu lassen und sich bei jedem Wort daran zu erinnern, in welchem Kontext und von wem ich es damals gelernt habe.

Auf dem Rückweg vom Familienhaus blieb jedoch nur ein Platz im Auto, sodass ich nach einigem Zögern zusagte, mit einem Cousin mit dem Motorrad zurückzufahren. Die 1-stündige Hinfahrt verkürzte sich so um zwei Drittel und macht die Reise definitiv wert. Über die kleinen Straßen erhielt ich einen genialen Blick über die Stadt mit den durchschnittlich Dreistöckigen Häusern, die oft in bunten Farben gestrichen sind. Ich kam vorbei an Wolldeckenverkäufern, vielen Obsthändlern, Sari-Ständen, Tischlereibetrieben und der ein oder anderen Baustelle. An vielen Ecken wird wohl auch ein Jahr nach den zwei verheerenden Erdbeben noch renoviert und aufgebaut. Oft sah ich provisorisch mit Sandsäcken errichtete Mauern, die nun durch feste Trockensteinmauern ersetzt werden. Auch der Blick auf die Berge, die Richtung Himalaya weisen, ist toll! Vielleicht ist das hohe Gebirge bei guter Sicht auch mal zu sehen, allerdings befürchte ich, dass der Smog der Großstadt sein übriges tut, um dies zu verhindern.

Am Sonntagmorgen geht es früh raus, auf 5:10 ist der Wecker gestellt, sodass ich morgens noch die ersten abpasse, bevor sie in Deutschland, Italien und Tunesien schlafen gehen. Einen zuckrigen Zitronentee später machen wir uns an der Hauptstraße entlang auf den Weg zum Yoga-Zentrum im Jain-Tempel, der nur wenige Minuten in Fußentfernung vom neuen Zuhause liegt. Dort kommen wir pünktlich zum „Om“, dem Urlaut des Universums, mit dem jedes Gebet und offensichtlich auch jedes Yoga begonnen wird. In verschiedensten Tonlagen singen wir den Nichtlaut, der eigentlich gar nicht betont wird. Nach einer kleinen Meditation, in der unglaubliche Unruhe herrscht, machen wir Dehnungsübungen, die ein wenig an Aufwärmen vom Sportunterricht erinnern. Dadurch wird mir an diesem kalten Morgen trotz doppelter Jogginghose endlich warm und als ich aufgebe, etwas verstehen zu wollen, kann ich es irgendwann doch genießen. Die Atemübungen sind ausführlich und bekannt, der Sonnengruß gänzlich anders und doch ist einiges wiedererkennbar. Als wir um halb 8 wieder zu Hause sind, wird aus meinem ursprünglichen Plan, sofort wieder in mein warmes Bett zu kriechen, nichts mehr. Ich bin plötzlich so fit und wach, dass es achtlos verschenkte Energie wäre. So stattdessen erst einmal italienischen Kaffee mit deutschem importierten Kaffeepulver (beste Idee überhaupt!) und dazu Butterkekse – natürlich zuckrig süß! Das Vorhaben, keinen Zucker zu essen, vergesse ich hier leicht, da wirklich überall Mengen an Zucker enthalten sind, die die von der WHO empfohlene Tagesration von einem halben Teelöffel um das Zwanzigfache überschreitet. Aber man ist ja nur einmal in Nepal, in dem Sinne, Guten Appetit und lasst es euch schmecken.

Nun habe ich bereits einen kleinen Sonnenbrand, vier neue Bekannte, die bei den Vereinten Nationen arbeiten und habe es sehr schnell zumindest bis ans Ende der großen Hauptstadt geschafft. Um 11 gibt es Frühstück und Mittagessen in einem, das nach nepalesischer Tradition Daal Bhat ist und aus verschiedenen Gemüsen, Kartoffeln und Linsen besteht. Und danach machen wir uns auf zum Boudhanat, meinem zweiten Tempel auf der Liste der Wiederaufgebauten, Neugebauten und Erdbebenüberdauerten. Namaste und bis bald aus KTM!

Nachtrag:

Aber was ich leider überhaupt nicht leiden kann und woran ich mich wohl nie gewöhnen werde ist, dass direkt vor meinen Augen und während ich dabeisitze, auf Nepali über mich geredet wird. Auch ohne meine Hindikenntnisse, durch die ich den Großteil des nepalesischen Small Talks verstehe, würde ich merken, dass es von mir handelt, wenn von der „Garman Ambassy“ oder ganz direkt „Garmani“ gesprochen wird. Auch „Videschi“ (Ausländerin) verstehe ich nur allzugut, wurde ich doch ein Jahr lang oft so genannt. Es ist so unglaublich unhöflich (in Deutschen Standards gesprochen), wenn ganz offensichtlich Dinge, die mich betreffen, weitergegeben werden, ohne mich in die Diskussion auch nur annähernd einzubinden. So sagte meine Gastmutter beispielsweise einer Verwandten von ihr, die selbst sehr beleibt war, dass ich gerne den Tee ohne Zucker trinken würde, weil ich Angst vor Übergewicht hätte. So etwas sind für mich Unhöflichkeiten und mangelnde Sensibilität, die letztlich auf mich zurückfallen, da sie als Anklage an alle wirken. Direkt im Anschluss fragten sie mich nach meinem Gewicht und gaben sogar ihre Einschätzungen ab. 60? 70? 80? Unglaublich. Das sind doch sehr schnell die kulturellen Unterschiede, mit denen man nur schwer fertig wird. So habe ich alleine in der ersten Woche bereits mehr interkulturelle Incidents erlebt, als in einem halben Jahr in Marokko zusammen, da man durch die Gastfamilie doch deutlich näher an der Kultur ist und viel schneller Reibungsmöglichkeiten entstehen. Jetzt gerade üben Verwandte, die zu Besuch sind, im Nebenraum die Aussprache meines Namens. Ist ja lieb und gut, aber nach einem langen Tag auch einfach nur noch anstrengend. Aber es sind ja nur noch 87 Tage. Auf Regensburg und Zuhause freue ich mich jedenfalls jetzt schon, wie nie zuvor. Doch als wir von dem Treffen mit den Verwandten durch das abendliche Chaos der Stadt zurück nach Hause laufen taucht plötzlich eine kleine Spitze auf, die sich den Weg durch die Smogdecke gebahnt hat. Schau mal da, ein Zipfel Himalaya, da kann man doch alles Anstrengende um einen herum ganz schnell vergessen.

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