Dieser Eintrag kommt, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, ein Vierteljahr zu spät. So lange befinde ich mich schon nicht mehr in meiner zweiten Heimat Argentinien – und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir nicht sehr fehlt. Wie Malin es in ihrem Blogpost so eloquent formuliert hat, blickt man auf die vergangenen Auslandsaufenthalte immer mit einer rosaroten Brille zurück – auch wenn man rational weiß, dass nicht alles so perfekt war, wie es in der Retrospektive erscheint.

Argentinien ist der Außenseiter Südamerikas. Das gesamte Land wurde durch die unglaublichen Massen an europäischen Immigranten geprägt, die in den zwei großen Einwanderungswellen (1890-1910 und nach dem 2. Weltkrieg) in das Land strömten und besonders in wirtschaftlicher Hinsicht zu einer Vorreiterstellung in Südamerika beitrugen – Anfang des 20. Jahrhunderts war Argentinien immerhin das sechstreichste Land der Welt. In Buenos Aires, welches als Hafenstadt natürlich das Gros der Neuankömmlinge empfing,  stellten z.B. Italiener stellenweise 60% der Bevölkerung! Die Zuwanderer beeinflussten natürlich Demografie, Sprache, Kultur, Architektur,  Essen, etc. enorm. Es passiert nicht selten, dass man durch die Straßen Buenos Aires‘ lustwandelt und denkt, man sein in Paris oder Mailand. Und nicht umsonst sind Pizza und Eis sozusagen die argentinischen Nationalspeisen!

Nach meiner anfänglichen Euphorie,  wieder in meiner zweiten Heimat zu sein, 24 Stunden am Tag Spanisch sprechen und empanadas, medialunas, churros, facturas, etc. genießen zu können, erhielt meine Laune aber einen Dämpfer. Ich hatte mich nahtlos eingelebt, in der Uni lief alles super, ich engagierte mich wieder bei AIESEC und die Stadt gefiel mir gut. Ich brauchte etwas, bis ich zur Wurzel des Problems durchgedrungen war, aber im Endeffekt merkte ich: Ich war unzufrieden, weil meine Erfahrung nicht wirklich der vielgehypeten Traumversion des Auslandssemesters entsprach – neues Land, neue Sprache, alles ist faszinierend, anstrengend, aber auch aufregend, jeden Tag macht man neue Erfahrungen und lernt alles über Land und Leute! Für mich war es eher so, als ob ich von Regensburg nach… Münster gezogen wäre. Neue Stadt mit neuen Leuten, aber kein revolutionärer Umbruch. Meine Kommilitonen waren in Indonesien, Brasilien, Südkorea und Ghana – und ich „wieder zuhause“ (ich weiß – ein echtes Luxusproblem).


Nachdem ich das Problem analysiert hatte, war mir, als ob ich auf einmal einen schleichenden und fast unbemerkten, aber doch niederschlagenden Druck losgeworden wäre. Und ich wusste jedes Mal, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, als ich in meinen Politik- und Anthropologiekursen engagiert mit meinen argentinischen Kommilitonen über die politischen Hochs und Tiefs der letzten Jahrzehnte, die stark strapazierte Beziehung der Hauptstadt Buenos Aires mit dem interior (den restlichen Provinzen Argentiniens), Minderheitenrechte, Diskriminierung und Rassismus und den politischen Totalschaden der zwei Kirchner-Präsidenten diskutieren konnte (Wissen, das man sich in einem Semester nie hätte aneignen können). Ich wusste es, als ich bei AIESEC für zwei NGOs außerhalb der Stadt verantwortlich war und regelmäßig „meine“ Freiwilligen dort besuchte und mit eigenen Augen sehen konnte, was für einen enormen Effekt jeder Einzelne doch haben kann, wenn man sich engagiert – diese Verantwortung hätte ich kaum bekommen, wenn ich nicht bereits vor meinem Auslandssemester Spanisch gesprochen und mich in Argentinien ausgekannt hätte. Ich wusste es, wenn ich alte Freunde und Familienmitglieder (aus meinen Gastfamilien während meines Austauschs) wiedertraf, die ich seit vier Jahren nicht mehr gesehen hatte, zufällig oder geplant, in Buenos Aires oder Posadas. Ich wusste es, als ich merkte, wie viel entspannter ich das Auslandssemester im Vergleich zu den anderen ausländischen Studierenden an meiner Uni angehen konnte – ohne den Druck, in einem Semester die Sprache lernen, das gesamte (gigantische) Land sehen, die argentinische Partykultur voll ausnutzen und aus dem ganzen eine lebensverändernde Erfahrung machen zu müssen.

Was ist Argentinien heute für ein Land? Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. In der Hauptstadt Buenos Aires schwärmen die Bewohner gern von glorreichen alten Zeiten – und wenn man eine knappe Stunde aus dem Zentrum fährt, befindet man sich in Orten ohne feste Straßen, mit Häusern ohne Türen und Heizungen und Jugendlichen ohne Perspektiven. Laut aktuellen Zahlen sind knapp 25-29% der urbanen Bevölkerung Argentiniens arm. Gleichzeitig wurden seit der Jahrtausendwende zahlreiche Sozialmaßnahmen eingeführt, welche quasi endlos kombinierbar sind, sodass am Ende ein mancher Sozialhilfeempfänger mehr „verdient“ als eine im öffentlichen Dienst arbeitende Anwältin. Durch die stetige Inflation (nach einem Hoch von 40% 2014 mittlerweile wieder bei moderaten 25%) steigen die Preise um ein Vielfaches schneller, als die Löhne nachkommen können. Während meines Aufenthalts von Februar bis August kostete im Supermarkt fast alles genau so viel wie (oder sogar mehr als) in Deutschland – bei einem Durchschnittseinkommen von sehr knapp über 1000€/Monat (zur Erinnerung: In Deutschland liegen wir bei knapp 3600€). Die wenig nachhaltige Lösung der meisten ist es, fast alles auf Pump zu kaufen und dann in cuotas (monatlichen Raten mit oft geringem bis nonexistentem Zinssatz) abzubezahlen. Das kann man quasi überall – in Boutiquen, im Supermarkt, bei der Buchung von Reisen, etc. „Das kostet ja dann fast gar nichts pro Monat“, meinte meine Gastmutter zu mir – I beg to differ.

Eine der Folgen des ständigen Auf (eher weniger) und Ab (eher mehr) in der argentinischen Politik in den letzten Jahrzehnten ist verständlicherweise, dass die Leute den Politikern und dem Establishment absolut null Vertrauen entgegenbringen. Wie könnten sie auch? Allein im ersten Halbjahr 2016 sind ein knappes halbes Dutzend Korruptions- und Vertuschungsskandale der Regierung K (für Néstor und Cristina Kirchner, die ehemaligen Präsidenten) publik geworden, in denen es nicht selten um ein- bis dreistellige Millionenbeträge ging, die plötzlich verschwanden und beispielsweise im Safe der Tochter des Präsidentenpaars, Florencia Kirchner, wiedergefunden wurden (4,6 Mio. US$ – keine schlechte Rücklage für eine Frau, die in ihrem Leben keinen einzigen Tag gearbeitet hat). Anderes Beispiel: Am Morgen des 14. Juni 2016 bemerkte ein Bewohner der Stadt General Rodríguez in der Nähe von Buenos Aires verdächtige Aktivitäten. Ein Mann warf Koffer und Taschen über die Mauer des benachbarten Klosters und betrat dann selbst das Gelände. Der besorgte Bürger rief die Polizei, welche den mysteriösen Mann dann festnahm, als er das Kloster wieder verließ. Schnell stellte sich heraus: Der Eindringling war kein gewöhnlicher Kleinkrimineller, sondern José López, ein ehemaliger Minister der Regierung K. In den Taschen befanden sich nicht Lebensmittelspenden (wie die Klosterbewohner behauptet hatten) oder Geldspenden (wie López behauptet hatte), sondern Schwarzgeld im Wert von über 9 Mio. US$, welches López durch das Kloster waschen wollte. Aber halt! Das Kloster? Die unschuldigen Nonnen? Die waren durchaus nicht unschuldig – während der Untersuchung verstrickten sie sich in einem Lügennetz und es stellte sich heraus, dass sogar die 94-jährige Leiterin des Klosters (dessen Bewohnerinnen übrigens nicht mal echte Nonnen waren) mit beteiligt war. Wenn man einen solchen Fall in einem Hollywood-Film sähe, würde man sich denken „Ach komm, das ist doch an den Haaren herbeigezogen!“. In Argentinien ist dieser Fall nur einer von vielen.

Auch ein Fall, wo man als (verwöhnter?) Deutscher einfach nur den Kopf schütteln kann: In meinem kleinen, aber lebhaften Politikkurs ging es einmal wie so oft um die das ganze System penetrierende Korruption und die ständig brodelnden Konflikte zwischen Anhängern der vormaligen linken Regierung K und der neuen Regierung unter dem vergleichsweise konservativen und auf die Wirtschaft fokussierten Mauricio Macri. Macri, welcher im Dezember 2015 das höchste Amt Argentiniens antrat, konnte natürlich schlecht in einem Schwung alle Mitarbeiter der Regierung auswechseln, sodass beispielsweise in vielen Ministerien immer noch fast radikale K-Anhänger arbeiten. Meine Politikprofessorin, welche selbst im Arbeitsministerium arbeitet, erzählte in einem Nebensatz, dass sie auch unter Kollegen aufpassen müsse, was sie sage – es hätte schon Vorfälle gegeben, bei denen konträre Äußerungen von Kollegen aufgezeichnet und den Vorgesetzten vorgelegt wurden. Unglaublich.

Trotz ständiger (Ent)Täuschung durch die Politik sind die Argentinier bei weitem nicht apathisch, was das Thema angeht. Der Gründer einer NGO namens Identidad Vecinal, mit der ich in Buenos Aires zusammenarbeitete, fasste es mal treffend zusammen: „Wir Argentinier sind unparteiisch, aber bei weitem nicht apolitisch.“ Soll heißen, dass die Argentinier zwar null Vertrauen in ihre Regierung haben, sich jedoch trotzdem für die Zukunft ihres Landes engagieren und viele andere Formen finden, um sich zu involvieren und einzubringen. Dabei ist man sich auch bewusst, dass man auf dem niedrigsten administrativen Level anfangen muss, um wirklich nachhaltige Veränderungen schaffen zu können. Ein Beispiel: In der Kleinstadt, in der oben genannte NGO beheimatet ist, finden ein- bis zweimal im Monat (privat organisierte!) Kommunalversammlungen statt, bei denen alle Interessierten über zukünftige Projekte und Ideen diskutieren konnten. Man trifft sich auf einem unbewohnten Grundstück, trinkt gemeinschaftlich Mate und diskutiert auf Augenhöhe miteinander. Die Stadt befindet sich 30 Kilometer außerhalb Buenos Aires – gerade peripher genug, um von der Zentralregierung übersehen und vernachlässigt zu werden, weswegen die Bürger solche Projekte selbst in die Hand nehmen. Auch die Generation der Millennials ist sehr engagiert, da sie verstanden hat, dass es nichts bringt, sich passiv über die Politik zu beschweren – wenn man das System umkrempeln will, muss man es selber in die Hand nehmen. Eine Lektion, die wir Deutschen uns in Zeiten steigenden AfD-Zuspruchs und knapp zehn Monate vor der Bundestagswahl zu Herzen nehmen sollten. Ein Beispiel, was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist Fabian Pereyra, der Generaldirektor für Jugendpolitik der Stadt Buenos Aires – der 24 Jahre alt ist. Bei einem AIESEC-Gipfel in BA erzählte er uns, wie er und eine Gruppe von Freunden mit 18 beschlossen, dass es nicht mehr reichte, sich auf Facebook über die Unnahbarkeit und Korruption in der Regierung zu beschweren, und das Zepter selbst in die Hand nahmen. Und dank Motivation und Qualifizierung schnell aufstiegen und nun aktiv Politik mitbestimmen können – beispielhaft!

An dieser Stelle könnte ich noch unglaublich viele für Argentinien relevante Themen beleuchten – der Interessenkonflikt zwischen der Zentralregierung in der Hauptstadt und den sich vernachlässigt fühlenden anderen Provinzen (besonders interessant mit Hinblick auf den letzten US-Wahlkampf, wo auch die Abgründe zwischen der „Elite“ der Großstädte und Küsten und den sich allein gelassen fühlenden „Hillbillies“ im Inland deutlich wurden) beispielsweise, oder das argentinische Phänomen der piqueteros, welche in regelmäßigen Abständen trommelnd und pfeifend die breiteste Straße der Welt (die Avenida 9 de Julio) blockieren oder in Ministerien einmarschieren. In Endeffekt protestieren die Argentinier gerne und viel – es gibt allerdings auch eine Menge Angelegenheiten, für oder gegen die es zu protestieren gilt. Und wie bereits erwähnt, sind die Argentinier nichts, wenn nicht bereit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. In diesem Sinne: Adiós y hasta la próxima!

4 thoughts on “Living in… Buenos Aires”

  1. „Eine Lektion, die wir Deutschen uns in Zeiten steigenden AfD-Zuspruchs und knapp zehn Monate vor der Bundestagswahl zu Herzen nehmen sollten.“ Amen!

  2. Uh, ein Beitrag der genau zum richtigen Zeitpunkt kommt, probiere ich doch gerade noch die richtigen Worte für meine Zeit in Buenos Aires zu finden – ein schwieriges Unterfangen, finde ich doch, dass man der Stadt mit Worten irgendwo nie gerecht werden kann.

    Liebe Grüße
    Anna

    1. Liebe Anna, ich stand genau vor dem selben Problem und habe deswegen auch fast neun Monate gebraucht, um meine Gedanken und Erfahrungen einigermaßen kohärent auf die Reihe zu bekommen. Und auch jetzt bin ich nicht ganz zufrieden – habe ich doch zu viele der wunderbaren Aspekte Argentiniens ausgelassen. Dir (falls du noch vor Ort bist) noch eine wunderbare Zeit!

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