So wohl ich mich zurzeit in Mexiko auch fühle, muss ich doch zugeben, dass ich meine Zeit in Seoul wirklich vermisse. Nicht nur die Stadt natürlich, die mit ihrer unvorstellbaren Größe, den vielen Cafés, Restaurants, Bars, Einkaufszentren, Museen, Tempeln, Palästen, Parks und Fußgängerzonen so ziemlich alles bietet, was das Herz begehrt. Sondern vielmehr die Erinnerungen und Momente, die die vier Monate in Korea so besonders gemacht haben.

Und was wir zugegebenermaßen sehr oft gemacht haben – ich will nicht sagen, dass es an der Tagesordnung stand, aber es gab schon einige Wochen mit mehreren lustigen Abenden à la Corée – war Ausgehen. Und darum soll es jetzt gehen: Eine Rekonstruktion eines typischen (und idealisierten) Ausgehabends in Seoul.

19:30 Uhr

Das Wochenende beginnt an der Soongsil University für die meisten Austauschstudierenden schon am Donnerstag. Wer sich nämlich geschickt seine Kurse gelegt hat, kann sich so einen vorlesungsfreien Freitag garantieren – und das sind tatsächlich die meisten. Die einzige Hürde zum Wochenende ist deswegen ebenfalls für die meisten der Donnerstagabend. Zwei Mal die Woche – Dienstag und Donnerstag – haben viele Exchange Students von 18:00 Uhr bis 19:50 Uhr ihren Koreanischkurs. Dienstags läuft normalerweise trotz der relativ späten Stunde noch ganz gut ab (es ist ja erst Dienstag), doch der Donnerstagskurs ist merkbar für viele etwas anstrengender.

Wir haben im Beginner-2 Level eine junge und sehr motivierte Lehrerin, die auf einen sehr interaktiven Kurs setzt und bis zur letzten Minute ihr Programm durchzuziehen versucht. Das macht den Donnerstagabend, bei dem für viele wie gesagt schon die Luft raus ist, nicht gerade leichter – ganz abgesehen davon, dass der Kurs von Anfang an ausschließlich auf Koreanisch gehalten wird.

19:43 Uhr

Das Einpack-Syndrom befällt die erste Person im Kurs. Allgemein gilt ja: Sobald eine Person anfängt, ihre Sachen einzupacken, breitet sich das Phänomen in Windeseile auf den Rest der Klasse aus und ist so von der Lehrerin unaufhaltsam. Bei der Frage, ob wir mit der momentanen Aufgabe lieber nächstes Mal weitermachen oder sie Zuhause fertig machen wollen, entscheidet sich die Gruppe mehr oder weniger einstimmig auf das Erstere. 19:47 Uhr schon ist das Klassenzimmer leer.

19:50 Uhr

Die allwöchentliche Diskussion im Foyer des Lehrgebäudes beginnt: Wohin soll’s gehen, was gibt’s zum Essen? Fried Chicken, Pajeon (koreanische Tortilla), Spaghetti mit koreanischem Touch, Bibimbab (Reis und frisches Gemüse), Korean BBQ, oder doch zu Oma (ein winziges Restaurant mit drei Tischen und super günstigem Essen, das komplett von einer alten Koreanerin geführt wird) ? Verlassen wir die Campusnähe und fahren zur Konkuk-University, um dort Korean-Italian Fusion Food zu essen? Wir einigen uns auf das Samgyeobsal-Restaurant (Schweinefleisch-BBQ) in der Nähe des Campus und ziehen los.

20:20 Uhr

Nach dreifacher Planänderung unterwegs sind wir im Pajeon-Restaurant an der Ubahnstation angekommen. Das Restaurant ist in einem holzgetäfelten Kellerraum mit niedriger Decke und Essnischen untergebracht. Bestellt wird Kimchi-Jeon (Kimchitortilla), Haemul-Pajeon (Tortilla aus Meeresfrüchten und Lauch), Kamja-Jeon (Kartoffelpfannkuchen) und Makgeolli, ein milchig-trüber fermentierter Reiswein, der in verschiedenen Geschmacksrichtungen erhältlich ist und an leicht gesprudeltes Wasser erinnert, dem Stärke und Säure hinzugefügt wurde (es schmeckt wirklich gut!). Pajeon und Makgeolli gehen in Korea Hand in Hand wie in Bayern Weißwurstfrühstück und Bier.

21:45 Uhr

Das Essen ist weg, die zweite Runde Makgeolli wurde bestellt und die Gruppe ist heiter bis beschwipst. Um das Abendessen zu verarbeiten, ist es doch eine gute Idee, einen kleinen Verdauungsspaziergang zu machen – am Besten direkt in die Stammkneipe um die Ecke. Crazy Bomb ist schon seit dem letzten Semester der allabendliche Treffpunkt eines internationalen Soongsil-Studierenden. Die Bar an sich hat einen interessanten Hintergrund: Als Uniprojekt wurde sie von drei koreanischen Innenarchitekturstudenten gegründet, mit dem Ziel, das Etablissement zwei Semester lang erfolgreich zu betreiben. Das erste Semester wurde sie nach Erzählungen wohl nahezu ausschließlich von Exchange Students besucht, bis es sich auf dem Campus herumgesprochen hatte, wie cool es dort sei.

22:20 Uhr

Ein dementsprechend gutes Verhältnis haben wir also zu den drei Betreibern, die nicht viel älter sind als wir. Wir können uns mehr oder weniger selbst bedienen, selbstständig an der Kasse bezahlen oder die Musik in der Bar bestimmen – von K-Pop über Salsa zu Hip-Hop. Einige sind in ihren Bestellungen so routiniert, dass das Getränk beim Erreichen der Theke schon bereit steht und man es mit einem breiten Grinsen in die Hand gedrückt bekommt. Es wird getanzt, getrunken, gespielt. Koreaner haben sich für deutsche Verhältnisse wahnsinnig raffinierte, aber komplizierte und schnelllebige Trinkspiele ausgedacht, alle mit Einleitungslied oder -choreographie. Für das einfachste dieser Spiele braucht man nichts, als den Deckel einer Sojuflasche. Soju ist neben Makgeolli die zweite Säule der koreanischen Alkoholika und erst seit einem knappen Jahr auch in verschiedensten Geschmacksrichtungen erhältlich (unsere eindeutigen Favoriten: Grapefruit und Traube).

22:45 Uhr

Wir sitzen zusammen in einer Runde und erklären einer Besucherin aus Deutschland nochmal die Regeln: Man nimmt den Schraubverschluss der Sojuflasche und dreht solange an dem Frischesiegel aus Aluminium (die Lasche, die nach dem ersten Öffnen am Deckel hängen bleibt), bis es steif absteht. Der Deckel geht dann reihum und jede Person versucht, die Lasche abzuschnipsen. Derjenige, dem es gelingt, fordert seine Nebensitzer zu einem Soju-Shot auf; einer von beiden kauft die nächste Flasche – und weiter geht die Fahrt. Im Gegenzug bringen wir unseren koreanischen Freunden „westliche“ Trinkspiele wie Busfahrer, Ring of Fire oder Never Have I Ever bei.

23:15 Uhr

Bald muss eine Entscheidung getroffen werden: geht es heute noch nach Hongdae, Itaewon oder Gangnam in einen Club, oder lassen wir den Abend zwischen jetzt und drei Uhr morgens in Crazy Bomb auslaufen? Es wird diskutiert, pro und contra Argumente werden genannt – heute gewinnt die unternehmenslustige Seite. Also, alle nach draußen und an die Hauptstraße. Wir sind zu elft, also brauchen wir drei Taxis, du fährst hier mit, ich da, ihr zusammen, wisst ihr eigentlich, was ihr sagen müsst und wo es hingeht? Treffpunkt ist wieder auf dem Playground, bis gleich!

23:45 Uhr

Die letzte Gruppe hat es nach Hongdae geschafft; wir stehen zusammen auf dem Playground. Hongdae ist eines der großen Ausgehorte für Studierende in Seoul, mit seinen unzähligen Restaurants, Bars, Karaokeräumen und Clubs. Und der Playground ist genau das, wonach er klingt. Tagsüber ein Spielplatz für Kinder oder Schauplatz von Floh- und Kunsthandwerksmärkten mutiert er bei Dunkelheit zum Zentrum des Nachtlebens und dem Startpunkt schlechthin für alle, die in Hongdae ausgehen. Dementsprechend viel ist also auch los: Franzosen, Spanier, Deutsche, Amerikaner, Koreaner – man schaut sich um und merkt, dass in jeder Gruppe eigentlich mindestens vier verschiedene Sprachen gesprochen werden. Wenn man Leute aus anderen Unis kennt, kann man davon ausgehen, dass man sich hier über den Weg laufen wird. Jetzt müssen wir aber los, in zehn Minuten ist Mitternacht und dann kommen wir nicht mehr kostenlos in den Club rein!

00:15 Uhr

Wir schaffen es natürlich nicht mehr rechtzeitig in den Club und müssen zahlen. Keine Viertelstunde später aber stehen wir schon wieder draußen. Erst mal geht es zum Auftanken zu 7-11; es würde ja niemand auf die Idee kommen, außer des Freigetränks, das im Eintrittspreis mit inbegriffen ist, dort nochmal etwas zu kaufen – bei zehn bis fünfzehn Euro pro Getränk. Wieso auch, wenn gleich nebenan ein Convenience Store ist, wo eine Flasche Soju 1,50€ kostet? Und mit unseren Bändchen kommen wir jederzeit wieder in den Club rein.

1:45 Uhr

Dieses Spiel des Hin-und-Hers wiederholt sich in den nächsten Stunden regelmäßig und sorgt dafür, dass das Clubben in Korea entspannt bleibt. Wer tanzen möchte, bleibt im Club, wer Lust hat, frische Luft zu schnappen oder sich zu unterhalten, trifft sich draußen mit Freunden. Man hat dank des Bands, das man beim Zahlen des Eintritts bekommen hat, stets die Freiheit, das zu tun, was man gerade möchte. Nie hat man das Gefühl, man stehe unter Druck und müsse ausnutzen, jetzt im Club tanzen zu können, damit sich der Eintritt gelohnt hat. Wer Hunger hat, geht auf die andere Straßenseite zu Monster Pizza, wo man selbst mitten in der Nacht lange ansteht – scheinbar haben nicht nur wir diese grandiose Idee.

2:30 Uhr

Die Unternehmenslustigen unter uns drängen schon wieder und wollen in einen anderen Club, da dort heute Latin Night ist und die Musik also dementsprechend anders ist als sonst. Der Rest lässt sich nach einer kurzen Diskussion doch noch überreden – weiter geht’s, die Nacht ist schließlich noch jung!

3:15 Uhr

Unüberraschender Weise dauert der Weg länger, als er tagsüber dauern würde. Es gibt Zwischenstopps bei 7-11 und auf dem Playground. Zwischenzeitlich ist ein Franzose aus unserer Gruppe verloren gegangen; eine amerikanische Freundin merkt, dass sie ihr Handy nicht mehr hat – es muss ihr im ersten Club irgendwie „abhanden gekommen“ sein. Ein Teil der Gruppe spaltet sich doch jetzt schon ab und nimmt sich ein Taxi zurück zur Uni. Letztendlich kommen wir noch am Club an, zahlen Eintritt und folgen den dumpfen, rhythmischen Schlägen in die Tiefe (Salsa Night ohne fetten Beat geht ja heutzutage nicht).

4:30 Uhr

So langsam ist die Luft auch bei uns Verbliebenen raus und wir machen uns auf den Weg zurück an die Oberfläche. Ein kurzer Blick durch die Runde, allen geht’s gut, keine herben Verluste, niemandem ist etwas passiert – Erfolg! Ehe wir ins Taxi steigen kauft sich jeder beim Convenience Store noch eine Wasserflasche. Heute haben wir Glück, da wir gleich zwei Taxis hintereinander bekommen. Dieser Teil könnte fast der schönste des ganzen Abends sein: man sitzt im Taxi, lässt sich hin und her schaukeln und sieht, wie es draußen langsam heller wird. Eine gute Viertelstunde fahren wir auf dieser Strecke direkt am Han Fluss entlang und verfolgen die Skyline am anderen Ufer. Besonders das Building 63 fällt uns jedes Mal ins Auge, das mit seiner geschwungenen goldfarbenen Fassade zu dieser Tageszeit wie zu leuchten anfängt.

5:00 Uhr

Der „Abend“ endet so, wie er begonnen hat: mit Essen, nur dieses Mal nicht ganz so ausgiebig und gesund wie das Abendessen im Pajeon-Restaurant einige Stunden zuvor. Das Taxi bringt uns zum Campus und lässt uns direkt vor McDonald’s auf der anderen Straßenseite aussteigen. Morgens um fünf nach einer Clubnacht ist das aber genau das Richtige – also nichts wie rein, am Touchbildschirm bestellen, direkt dort mit Karte zahlen und mit dem 1-A McDonald’s Frühstücksmenü im oberen Stockwerk verschwinden.

5:30 Uhr

Als wir den Laden verlassen ist es draußen komplett hell; uns kommen auch schon die ersten koreanischen Studierenden mit Rucksack und Büchern entgegen. Da momentan eigentlich Prüfungszeit ist, wird überall und zu jeder Tageszeit gelernt – in der Bibliothek, im Café, oder eben nachts um vier bei McDonald’s – wir waren im oberen Stockwerk deshalb auch nicht die Einzigen, die gefrühstückt haben.

Und somit kehren wir zurück ins Wohnheim und gehen so langsam mal schlafen – morgen um 14:00 Uhr treffen wir uns ja schon wieder zum Mittagessen. Anstrengendes Leben!

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씨밤의친구들은: 고마워요!

11 thoughts on “Donnerstagabend, Koreanstyle”

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