Gestern morgen bin ich nach einer Woche Zwischenstopp in Deutschland wieder in Mexiko angekommen. Gleich hat sich herausgestellt, dass ich den Zeitpunkt meiner Anreise im Unwissenden gut ausgesucht hatte, denn der 2. Februar ist aus vielen Gründen ein besonderer Tag in Mexiko. Gleich am Morgen schrieb mir ein mexikanischer Freund begeistert, es sei heute „Tamales day“ und ich müsste deswegen unbedingt Tamales essen. Noch etwas benommen von der über 20-stündigen Reise konnte ich die Empfehlung in dem Moment nicht ganz bewusst wahrnehmen, wurde jedoch im Laufe des Tages immer wieder damit konfrontiert.

Zunächst einmal für diejenigen, die den verschiedenen Gerichten der mexikanischen Küche nicht gewandt sind: Eine Tamale ist ein traditionelles Gericht bestehend aus einem Maisteig, der mit Fleisch, Fisch, Käse oder anderen Zutaten gefüllt ist und in Mais- oder Bananenblätter gewickelt und anschließend gedämpft wird. Tamales werden seit über 5.000 Jahren in Mesoamerika zubereitet. Beim Verzehr wird nur die Füllung gegessen, die Pflanzenblätter werden entsorgt. Wer sich das Ganze noch nicht vorstellen kann: 

Tamales, in Maisblätter eingewickelt.

So far, so good. Wie vieles im katholisch-konservativen Mexiko wird auch diesem Tag eine wichtige religiöse Rolle zugeschrieben. Der 2. Februar liegt genau 40 Tage nach Weihnachten und damit nach der Geburt Jesu, an dem von vielen Katholiken die Darstellung des Herrn bzw. Mariä Reinigung gefeiert wird. Im antiken Judentum galt eine Frau erst 40 Tage nach der Geburt eines Jungen (80 Tage nach der Geburt eines Mädchens, was ich mal unkommentiert stehen lasse) wieder rein, weshalb die damals traditionell-zeremonielle Darstellung im Tempel Jerusalems erst nach 40 (bzw. 80) Tagen ablaufen konnte. Da laut des jüdischen Gesetzes der Erstgeborene Gott gehörte, musste dieser bei der Zeremonie durch Opfergaben wieder „zurückgekauft“ werden. Am selben Tag wurde die Mutter wieder „rein gemacht“. Wenn für die Geburt Jesu der 25. Dezember angenommen wird, fällt dieser Tag für Maria auf den 2. Februar. 

Aus diesem Grund werden in ganz Mexiko an diesem Tag Statuen des Christuskindes, die an Weihnachten in den Krippen der Kirchen aufgestellt wurden, umgezogen. Dafür gibt es spezielle Läden, die extra für dieses Ereignis Gewänder für die Christuskind-Statuen in allen Größen und Farben verkaufen. 

Offiziell heißt der Tag Dia de la Candelabria, benannt nach der Jungfrau von Candelabria, der zentralen Marienfigur in der Basilika von Candelaria auf der kanarischen Insel Teneriffa. Eine Legende erzählt, dass im Jahr 1392 eine Statue der Jungfrau Maria von zwei Ziegenhirten gefunden wurde, die wohl an den Strand angespült worden war. In einer Hand hielt die Statue das Christuskind, in der anderen eine Kerze. Der Legende nach schmiss einer der Hirten einen Stein nach der Statue, worauf hin sein Arm erstarrte; der andere wollte die Statue erstochen und erstach dabei sich selbst. Jedes Jahr wird der Jungfrau von Candelaria am 2. Februar (und am 15. August) zu Ehren in großen Teilen der spanischsprachigen Welt gefeiert, in dem in vielen katholischen Kirchen Kerzen angezündet werden.

Schließlich nähern wir uns der Frage, wieso an diesem Tag voller religiösem Hintergrund ausgerechnet Tamales gegessen werden. Zunächst müssen sie allerdings zubereitet werden – aber wer ist dafür zuständig? Diese Frage wird am tag der Heiligen Drei Könige, am 6. Januar, beantwortet. An diesem Tag wird in mexikanischen Familien ein Kuchen gegessen, in dem eine kleine Figur eingebacken ist. Wer das Kuchenstück isst, in dem sich diese Figur befindet, muss am 2. Februar für seine Freunde Tamales zubereiten. So hat es zum Beispiel bei meinem Vater im Büro ein gemeinsames Mittagessen zum Tamales day gegeben, bei dem 17 seiner mexikanischen Kollegen, die alle am 6. Januar das Kuchenstück mit der Figur hatten, insgesamt 400 Tamales ins Büro brachten.

Um zu verstehen, wieso gerade Tamales an diesem tag gegessen werden, muss man in die Zeit der mesoamerikanischen Ureinwohner zurückblicken. So liegt der 2. Februar genau zwischen der Wintersonnenwende (kürzester Tag des Jahres am 21. Dezember) und der Frühlingstagundnachtgleiche (Tag, an dem der lichte Tag und die Nacht gleich lang dauern am 20. März). An diesem Tag wurde in den antiken mesoamerikanischen Hochkulturen traditionell das Saatgut für den beginnenden Frühling gesegnet. Um für eine gute Ernte zu beten, wurden den Göttern Opfergaben aus Mais gebracht, unter anderem Tamales. In diesen Kulturen spielte Mais generell eine unbeschreiblich wichtige Rolle: Im Popol Vuh, der heiligen Buch der Maya basierend auf ihrer antiken Mythologie, wird beschrieben, wie die Götter mehrmals mit verschiedenen Materialien versuchten, den Menschen zu erschaffen – bis es ihnen schließlich mit dem Mais gelang. Dieser lebensgebenden Eigenschaft gedenkt man heute noch.

Was in Deutschland also ein ganz normaler Donnerstag war, war in Mexiko ein Tag mit einer Geschichte, die Jahrtausende zurückgeht. The more you know!

Titelfoto von Proyecto40; Foto der Tamales von Food.com.

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