Think outside the box

Wer zu lange in Kathmandu bleibt, dem fällt zwangsläufig die Decke auf den Kopf. Kathmandu, die Unerschlossene, spiegelte genau das wider: Enge, Bedrücktheit und mangelnden Überblick. Schnell kochen im Ausland die Gefühle über, zudem bei niedrigen Temperaturen, wenig Abwechslung und Unverständnis einer neuen Kultur gegenüber.

Umso wichtiger, einmal raus zu fahren und einen Tag mal ganz woanders zu verbringen. Perfekt geeignet ist dafür Nagarkot, das nur 35 km östlich von Kathmandu auf knapp 2000 Metern Höhe liegt. Nach deutschen Standards ist dies schon ziemlich hoch; für Nepalis jedoch nur der Vorgeschmack. Einige der höchsten Berge der Welt sind hier Teil der Himalaya-Gebirgskette, wobei Himal auf Nepalis schlichtweg Berg bedeutet. Himalaya sind also die Berge und das passt auch ideal zu dem, was sich hier offenbart. Es sind einfach nur „die Berge“ und hier kaum von Nepalis wirklich offenkundig wertgeschätzt. Anders als ich, die ich jedes Mal staunend stehen bleibe, wenn ich einen Gipfel von weither erkennen kann. Doch das ist vermutlich auf die Gewohnheit zurückzuführen und darauf, dass sie sich an deutlich bessere Aussichten erinnern können bevor der Smog allzu dicht wurde. „Die Berge“ aber auch durch ihre schlichte Finalität, durch das absolute Statement dieser Gebirgskette, die Völker unterscheidet, Vegetation trennt und Grenzen vorgibt. Darin sind sie einzigartig und fast unüberwindbar, trennen Tibet von Nepal, geben den Nepalis ein anderes aussehen und dominieren das Klima des Landes. Es gibt Straßen über die Pässe, doch sind laut Lonely Planet für die 75 km bis hoch nach Tibet mindestens vier Stunden einzuplanen – und das zu Vorerdbebenzeiten.

So dauerte auch die Fahrt hoch nach Nagarkot satte drei Stunden mit öffentlichem Bus, was zwar für 35 km absolut lächerlich ist, aber der von vielen Erdrutschen, Monsunregenfällen und Erdbeben zerfressenen Schotterpiste zuschulden ist. Die Ankunft dort zeigt schon, dass sich jede noch so lange Fahrt lohnt. Es riecht nach Tannen und Fichten und Natur. Die Luft erlaubt es, endlich wieder durchzuatmen, ohne an die Feinstaubabgase zu denken. Der Blick findet endlich andere Farben als grau und getrübtes Türkis an den Wänden. Und die Seele kommt endlich zur Ruhe. Hier lässt es sich aushalten. Umso besser, in einem Hotel unterzukommen, das sich „Hotel at the End of the Universe“ nennt und im Charme einer urigen Berghütte tatsächlich unerwartete Abgeschiedenheit bietet. Von der Terrasse blicke ich staunend zwischen den Bäumen hindurch Richtung Bergkette und realisiere erleichtert, dass der Plan aufgegangen ist. Nach dem Regen am Vortag ist die Luft rein von Smog, Staub und Schmodder. Und zum Vorschein kommt eine atemberaubende Sicht auf die höchsten Berge der Welt. Der Ausschnitt reicht von Ganesh Himal über das Langtang-Tal bis zum Ladies Peak im Osten und bietet wirklich gigantisch klar gezeichnete Spitzen. Die Berge sind zum Greifen nahe, fast wirkt es, als könnte man in wenigen Stunden Fußmarsch die Gipfel erreichen und wird nur durch die fehlende Ausrüstung davon abgehalten, sich sofort auf den Weg zu machen.

Vom Peaceful Cottage gleich nebenan ist der Sonnenaufgang zu bestaunen, zu dem um kurz vor 7 viele Sonnenanbeter ihre warmen Betten verlassen. Erstaunlich lange braucht die Sonne, um hinter den Bergen zum Vorschein zu kommen, kündigt sich jedoch schon lange durch gefärbten Himmel und verschieden schattierte Nebelschwaben an. Schon im Halbdunkel zeichnen sich die weißen Tupfer gestochen scharf vor dem blauen Himmel ab und lassen davon träumen, das nächste Mal inmitten der Berge die Sonne aufgehen zu sehen. Es lohnt sich – jedes einzelne Mal. Als die Sonne plötzlich binnen Minuten ihre Höhenmeter zurücklegt, lässt sie ihre Strahlen durch den Nebel stechen und taucht die obersten Gipfel der 7000er in hellrotes Licht. Es ist ein faszinierendes Schauspiel, das sich mir bietet. Einzigartig und wertvoll ist der Moment, indem sich in freudigem Staunen das Herz öffnet.

Der eigentliche Plan, die 16 km runter ins Tal zu der Tempelanlage von Changu Narayan zu wandern, wird schnell verworfen, wenn man die Terrasse des Club Himalaya Resort erreicht. Es ist wirklich ein ziemliches Resort mit Massagen, Pool und Andenkenshops, das dennoch wohl eine der besten Aussichtsplattformen bietet. Auf der Terrasse werden die gepolsterten Stühle vor die halbhohe Glaswand geschoben, die Füße bestenfalls auf die Brüstung gelegt und die Augen geschlossen. Und dann bleibt man drei Stunden so sitzen, lässt sich von der Sonne wärmen und holt sich einen fetten Sonnenbrand. Nach dem frierenden Sonnenaufgang muss man ja doch ausnutzen was geht und die ungewohnte Höhe tut ihr übriges. Doch mal im Ernst – Sonnencreme im Januar?

Auf dem Rückweg komme ich nun endlich nach Bhaktapur, die neben Lalitpur (Patan) und Kantipur (Kathmandu) die drittgrößte Stadt des Kathmandu Tals mit seinen drei Millionen Einwohnern ist. Bhaktapur ist die wohl am besten erhaltene und deutlich traditionellste der drei Schwesternstädte, die einen unglaublichen Mischmach aus Weltkulturerbe, Sightseeing und Alltag der Locals vereint. Kaum denkbar, dass dies miteinander einhergeht und dennoch gelingt eine spannende Fusion. Gerade mit einem leckeren Illy-Kaffee auf den Stufen des Cafés mit einem frisch gebackenen Bananenmuffin auf dem Schoß lässt sich der uralte Tempel bestaunen. Eine fast professionelle Gruppe Jugendlicher führen auf einer kleinen Empore eine einstudierte Breakdance-Bollywood-Choreographie auf, zu der sich immer mehr Zuschauer gesellen oder mit ihren Motorrädern kurz zum Beobachten anhalten. Nepalis mit den typischen traditionellen Topis, eine Art Kopfbedeckung aus fein gestickten, meist rosa Stoffen, sitzen in den alten Aufenthaltsplätzen und quatschen. Ein alter Mann mit roten Lessings und um die Lenden gewickelten Baumwollstoff fegt den Tempel und reibt die äußeren Steine sauber. Ein Touristenpaar überquert mit ihrem kleinen Kind den Platz und sucht den besten Aussichtspunkt für die Breakdance Show, den jedoch schon ein nepalesischer Vater mit seinem Sohn auf dem Hausdach aus Wellblech gegenüber eingenommen hat. Und zuletzt kommt ein Ziegenbock mit langen, geschwungenen Hörnern, der Bananenmuffins gerochen hat und gerne auch ein Stück davor abhätte.

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