Innerhalb des letzten Jahrzehnts – vielleicht sogar erst innerhalb der letzten fünf Jahre – hat sich die typische Reiseerfahrung sehr stark verändert. Während die Generation unserer Eltern (und vielleicht sogar noch unserer älteren Geschwister) noch ihre Zwei-Wochen-All-Inclusive-Hotel-in-Ägypten-Urlaube im Reisebüro gebucht haben, suchen wir uns in kürzester Zeit unsere Billigflüge, Airbnb-Apartments oder Couchsurfing-Gastgeber und Tips für das beste lokale Streetfood im Internet und verschwinden dann mit dem Rucksack auf dem Rücken und Lonely Planet in der Hand für zwei bis acht Wochen in den Nahen Osten, nach Südamerika oder Südostasien. Wie Philip vor Kurzem in seinem Blogpost beschrieben hat, kommen unsere Familien und teilweise sogar unsere gleichaltrigen Freunde nicht mehr hinterher. Auch sind unsere Erwartungen an eine Reise sehr anders: Wir wollen die einheimische Bevölkerung nicht nur an der Hotelrezeption oder am Riksha-Lenkrand erleben, sondern so viele lokale Traditionen und Gewohnheiten wie möglich kennenlernen und am Besten vollkommen in das Alltagsleben eintauchen.

Meine favorisierte Möglichkeit dafür ist Couchsurfing – also bei einem Local für eine oder mehrere Nächte auf der Couch (in den seltensten Fällen), im Gästezimmer, auf der Klappmatratze oder zur Not auch auf dem Boden zu übernachten. Die Wohnungssituation richtet sich nach dem Reiseland und dem sozioökonomischem Status des Gastgebers: Ich habe schon zusammen mit der Nichte meines Gastgebers auf dem Boden geschlafen (so wie der Rest der Familie auch), aber auch im 36. Stock eines supermodernen Hochhauses im Herzen Dubais mit Blick auf die glitzernde Skyline (in diesem Fall sogar alleine – mein Gastgeber schlief in einem seiner anderen beiden Apartments). Im Iran wurde ich auf eine Verlobungsfeier und ein Konzert und in eine staatliche Ferienanlage mitten in der Wüste mitgenommen und in Frankreich regelmäßig mit Drei-Gänge-Menüs bekocht. Für unsere Gastgeberin in Bratislava haben Philip und ich morgens vor dem Abflug einen Kuchen gebacken und ihn dann abends in der lustigen Gesellschaft einer Chinesisch-Slovakin und eines Chinesisch-Australiers (den sie ebenfalls hostete) verzehrt. Couchsurfing versorgt den Reisenden nicht nur mit lustigen Anekdoten, sondern hilft ihr oder ihm auch, Freundschaften in der ganzen Welt zu knüpfen – die hoffentlich in einem Gegenbesuch kumulieren.

Was wird als Gegenleistung erwartet? Meistens nichts – bis auf eine offene und abenteuerlustige Einstellung und ein grundlegendes Maß an Sauberkeit. Oft zaubern auch beispielsweise typisch deutsche Süßigkeiten oder Postkarten ein Lächeln aufs Gesicht – aber ich habe auch schon meinen “Gastgeschwister”, die nach dem Abi in Deutschland studieren wollen, Deutsch beigebracht oder eine Reiseroute und Flüge für eine dreiwöchige Europareise recherchiert. Und im Gegenzug iranische Kartenspiele, italienische Trinksprüche und argentinische Saucenrezepte gelernt. Bei Couchsurfing geht es nicht um eine eindeutig ausgewogene Balance zwischen Geben und Nehmen – vielmehr kann man einen Aufenthalt als “erfolgreich” bewerten, wenn alle beteiligten Parteien der Meinung sind, aus der Erfahrung etwas gelernt haben zu können und auf noch mehr Besucher oder Gastgeber neugierig sind.

Natürlich kann man nicht immer optimale und bereichernde Erfahrungen haben – einer meiner Gastgeber im Iran startete beispielsweise mehrere Annäherungsversuche, bis ich anfing, von meinem (imaginären) Freund in Deutschland zu erzählen (und auch dann war er nicht gerade ein Ausmaß an Zurückhaltung). In der selben Familie wurde ich auch, wie bereits in meinem anderen Blogpost erwähnt, vom Vater und zwei Brüdern mit “Heil Hitler” begrüßt – und ohne Englisch- bzw. Farsikenntnisse gestaltet sich eine Diskussion zu solch sensiblen Themen auch relativ schwierig bis unmöglich. Auch bei augenscheinlich nettem Verhalten kann man besonders als Ausländer nicht immer die Intention dahinter abschätzen. Eine deutsche Freundin hier in Mumbai berichtete mir vor einer Couchsurfing-Erfahrung, wo ein Inder sie beherbergt hatte und dann mit dem Moped mit ihr durch die ganze Stadt gefahren war – um zu zeigen, dass er eine deutsche Freundin (im Sinne von girlfriend) hatte. Natürlich bringt ein solches Verhalten dem Couchsurfenden keine Nachteile an sich, aber schön ist es auch nicht.

Generell kann man aber durchaus sagen, dass diese negativen Erfahrungen in der absoluten Minderheit sind. Bis jetzt hatte ich zehn Hosts in sechs Ländern und bis auf die oben erwähnte tendenziell negative Erfahrung wurde ich immer ausnehmend herzlich und interessiert empfangen, beherbergt, gefüttert, durch die jeweilige Stadt ge- und in die jeweilige Kultur eingeführt. Ich kann jedem Reisenden, der seinen Urlaub nicht nur zum Erholen, sondern first and foremost zum Lernen und vielleicht auch sich Austesten nutzen möchte, nur ans stärkstens ans Herz legen, einmal Couchsurfing zu versuchen – in 99 Prozent der Fälle ist es eine unglaublich bereichernde, lustige und lehrreiche Erfahrung, welche einen einmaligen Einblick in die Essenz des jeweiligen Landes gewährt. Viel Erfolg und Spaß beim Ausprobieren!

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