Eigentlich bin ich ja gar nicht mehr in Mexiko, und auch schon wieder nicht in Deutschland, sondern auf dem Weg in mein nächstes und auch letztes Ziel im Rahmen meines IRM-Auslandsjahres. Wie erwartet ist die Zeit in Aguascalientes wie im Flug vergangen (was ich über meinen tatsächlichen Rückflug leider nicht sagen kann) – quasi gestern war noch Halbzeit, kommt es mir vor. Trotzdem möchte ich noch gerne ein paar Gedanken und Worte über meinen Aufenthalt, das Praktikum und das Land an sich teilen.

Insgesamt bin ich knapp über zehn Wochen lang in Mexiko gewesen und habe außerhalb des Praktikums in Aguascalientes an den Wochenenden viel vom Land sehen können. In Mexiko Stadt, ca. 450km entfernt, habe ich ein Wochenende verbracht und mir erster Hand ein Bild vom starken Kontrast zwischen Stadt und „Land“ machen können. Mit den fantastischen Fernbussen, die der Business Class in Langstreckenflugzeugen Konkurrenz machen (breite Sitze, die sich mehr oder weniger in Liegeflächen verwandeln können und von denen jeder mit einem Bildschirm ausgestattet ist, zwei Toiletten, kostenlose Snacks und Getränke, WLAN – eher das Gegenteil von der Economy Class, in der ich gerade sitze) habe ich die meisten Reiseziele sehr bequem und vor allem auch günstig erreichen können. In Zacatecas mit seiner wunderschönen Kolonialarchitektur haben wir „eines der besten Kunstmuseen des provinziellen Mexikos“ besucht, mit Werken von unter anderem Dalí, Miro, Velasquez und Klimt.

In Guadalajara und Tlaquepaque bin ich zwei Mal gewesen, im UNESCO-Weltkulturerbe San Miguel de Allende in dieser Zeit sogar drei Mal, immer mit verschiedenen Menschen zusammen. In Léon und Guanajuato konnte ich eine sehr gute Freundin aus Seoul besuchen; in Cancun habe ich mit meinen Eltern und Geschwistern Strandurlaub gemacht und konnte mich wie in prähispanische Zeiten versetzt fühlen. Calvillo, ganz in der Nähe, konnten wir als Hauptstadt der Guavafrucht besuchen. Tatsache ist aber, dass es von diesem riesigen Land (flächenmäßig ungefähr fünfeinhalb Mal so groß wie Deutschland) noch so viel zu sehen gibt – deswegen war es mitnichten das letzte Mal, dass ich es besuche (ganz abgesehen davon, dass meine Eltern die nächsten drei Jahre dort verbringen werden, es also Grund genug gibt, immer mal wieder „vorbeizuschauen“).

Mein Praktikum – eigentlich ja Hauptgrund des Aufenthalts – habe ich ebenfalls gut zu Ende gebracht. In den acht Wochen im Büro bzw. in der Fabrik habe ich Einsichten in ein Unternehmen bekommen, das ich sonst wohl eher nicht kennengelernt hätte, da der IRM-Studiengang so gut wie keine technischen Inhalte hat (als kurze Erinnerung: Ich habe das Praktikum bei einem Automobilindustrielieferanten absolviert, der in einem aufwändigen Prozess aus Aluminium Exterieurbauteile herstellt und veredelt).

Zunächst war es spannend, den konstanten interkulturellen und internationalen Bezug der Firma beobachten zu können. Aus meinen bisherigen Erfahrungen als Sohn eines im Ausland arbeitenden Deutschen ist es interessant gewesen, den Spieß sprichwörtlich umgedreht zu haben: eine Managementebene bestehend aus chinesischen Expats, die aus China das Know-how bringt, um in Mexiko mit der Hilfe mexikanischer Angestellter und Arbeiter eine Fabrik aufzubauen und Bauteile für unter anderem deutsche und amerikanische Kunden zu produzieren.

Wie man sich vorstellt kann ein mehrsprachiges Arbeitsumfeld zu kommunikativen Schwierigkeiten führen. Von den mexikanischen Mitarbeitern sprachen alle zumindest in den administrativen Abteilungen gut Englisch, die Fabrikarbeiter zum großen Teil auch. Auf chinesischer Seite sprachen einige Englisch, noch weniger Spanisch, und manche auch nur Chinesisch. Deswegen gab es in der Firma einige Chinesen (bzw. Taiwaner, aber mehr dazu in einem späteren Eintrag), die Spanisch studiert haben und so nicht nur Englisch, sondern fließend Spanisch sprachen. Gerade deshalb waren diese wenigen Übersetzer für den reibungslosen Ablauf des Tagesgeschäfts enorm wichtig.

Und so hatte sich mein Aufgabenbereich schnell gefunden: Übersetzen, und zwar in allen Kombinationen mit Englisch, Spanisch, Chinesisch und Deutsch. Dass ich dazu eigentlich nicht die nötigen Fremdsprachenkenntnisse habe war zunächst glaube ich auch nur mir bewusst. Mit diversen online-Wörterbüchern war es aber tatsächlich irgendwie möglich – und vor allem auch notwendig, denn es gab Tage, an denen von den offiziellen Übersetzern niemand im Büro war und ich somit einspringen musste.

Leider aber gab es auch viele Tage, an denen ich nicht wirklich viel zu tun hatte. Ich hatte nie konkrete Aufgaben und war deswegen mehr auf Abruf tätig – musste deswegen also warten, bis jemand auf mich zukam. So haben diese acht Wochen zwar viele neue und interessante Einblicke gewährt, waren aber nüchtern gesagt nicht die aller produktivste Zeit. Silver Lining des Ganzen: Für IRM und die OTH habe ich allerlei vor- und nacharbeiten können (nur leider immer noch nicht das Term Paper aus dem dritten Semester – sorry Herr Bresinsky).

Lustiger Nebeneffekt des Praktikums war auch, dass ich unter der Woche tagsüber hauptsächlich Chinesisch und Deutsch gesprochen habe. Mein Spanisch hat sich in der Zeit zwar auf jeden Fall verbessert, aber offensichtlich nicht so viel, hätte ich zwei Monate lang ausschließlich Spanisch gesprochen. Ich schiebe die Schuld dafür auf „strukturelle Probleme“, wie ich sie mal nennen werde: Im Büro habe ich mangels ausreichender Integration ins (mexikanische) Team wie gesagt hauptsächlich Chinesisch gesprochen und somit wiederum den Anschluss zu mexikanischen Kollegen verpasst (eigentlich auch selbstverschuldet). Zuhause bei meinen Eltern habe ich fast nur Deutsch gesprochen, und die Mehrheit des einkehrenden Besuches waren Freunde und Familien der deutschen Firma. Nach neun bis zehn Stunden Arbeit jeden Tag (nicht immer inklusive Arbeitsweg) war ich Abends dann nicht mehr super motiviert, mal in die Stadt zu gehen oder auf den Putz zu hauen – abgesehen davon, dass ich mich auch außerhalb der Arbeit irgendwie auch nur mit chinesischen Kollegen getroffen habe.

Trotz allem habe ich meinen Aufenthalt in Mexiko sehr genossen und habe im Laufe der Zeit bei mir eine Änderung der Einstellung zu den im Vergleich zu Deutschland durchaus niedrigen Preisen gemerkt. Es reicht nämlich nicht, Restaurantbesuche oder Cocktailpreise mit den deutschen Pendants zu vergleichen, da man so den relativen Wert des Produkts aus den Augen verliert. Sprich, was kann ich mir in Mexiko für den gleichen Betrag sonst noch kaufen? Wenn ein Steak mit Salat im Restaurant also umgerechnet acht Euro kostet, erscheint das auf den ersten Blick als quasi geschenkt – bei einem durchschnittlichen Tageslohn von unter vier Euro aber entspricht das 18 Stunden Arbeit. In der selben Zeit verdient ein Deutscher mit Mindestlohngehalt über 150 Euro. Ich habe gelernt, dass es immer hilfreich ist, diese Perspektive einzunehmen, da ich so den Wert einer Sache viel eher zu schätzen wusste.

Mittlerweile sitze ich in Changsha, China und warte auf meinen Weiterflug nach Guangzhou, von wo aus es dann zu meinem dritten und letzten Ziel im Rahmen des IRM-Auslandsjahres geht. Vielleicht mag die eine oder andere Person schon darauf gekommen sein – sehr bald aber wird es auch ein „offizielles Statement“ von mir dazu geben.

Apropos wie im Flug vergangen: In genau einem Monat sind in den USA am Super Tuesday Präsidentschaftswahlen (keuch). Vielleicht habt ihr es gesehen, aber für unsere Leser in den USA müsste in der letzten Woche beim Besuch unseres Blogs ein kleines Feld sichtbar sein, was daran erinnert, sich auf jeden Fall zum Wählen zu registrieren. Register to vote, friends!

One thought on “Mexiko: Ein Fazit”

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: