In Tunis bin ich nach einem Monat bereits perfekt stationiert und eingerichtet. Gerade habe ich mir einen kleinen Farn gekauft und mit einem der klassischen tunesischen Streifentücher meinen Schreibtisch dekoriert. Es geht mir wunderbar. Ich schaue aus dem Fenster, die Sonne scheint, der Himmel strahlt, die Kakteen und Wüstenpflanzen auf meiner Fensterbank schmücken den täglichen Blick gen Tunis und dazu schön Morgenröte von Spotify. Besser kann es eigentlich gar nicht sein.

Gestern Nachmittag saß ich mit Laura im Büro; beide völlig genervt, überfordert und einfach nur noch reif fürs Wochenende. Da half nur eine Pause auf dem Balkon vom Büro, das wir uns teilen. Doch plötzlich standen wir fast auf Augenhöhe von einem Mann, der in drei Meter Höhe mit Flipflops im Olivenbaum steht. Um die reifen, schwarzen Oliven herunterzubekommen schüttelte er wie bei deutscher Apfelernte die Äste, bis die Traubengroben Früchte herunterfielen. Gemeinsam mit unserer Haushälterin half ich beim Aufsammeln, probierte auch zaghaft eine der reifen Oliven, die jedoch sauer, bitter und einfach grässlich schmecken. Wer hatte denn bitte die famose Idee, diese in Salz und Wasser einzulegen? Genial jedenfalls! Am Ende hatten wir tatsächlich einen ganzen Eimer voll grüner und schwarzer Oliven, die sich meines Wissens nach aufgrund des unterschiedlichen Reifegrades farblich unterscheiden.

Nach verdientem Feierabend war ich mit einem Couchsurfer, den ich kürzlich kennen gelernt hatte in einem der chiceren Teile von Tunis unterwegs. „C’est où, la crise?“ haben wir uns dort gefragt. Der Club-Bar-Komplex grenzte direkt ans Meer, schön, stilvoll, natürlich heillos überteuert aber einfach genial. Auf Schaukeln, Strandliegen oder Couchsesseln ließ sich der Abend dort fein verbringen und um mich herum tummelte sich die gefühlte tunesische Studenten-Mittelschicht. Wie schaffen die es alle, diese künstliche, aufgebauschte Welt mit dem alten Stadtkern der Medina zu verbinden?

Spannend ist es jedenfalls, hier zu sein und mich als Europäerin plötzlich gar nicht mehr so fehl am Platz zu fühlen. Andererseits muss ich auch zugeben, dass es gerade in Regensburg nicht mal annähernd Vergleichbares gibt. Wie kommen wir wohl damit klar, nach Metropolen wie Seoul, Katmandu oder Mumbai wieder in der bayerischen Provinz zu stecken?

Als in der Strandbar die Stimmung aber um Mitternacht immer noch nicht so pralle war sind wir weitergezogen und plötzlich habe ich mich in einer ganz anderen Welt wiedergefunden. Schon als wir noch unschlüssig zu viert in einem großen Clubraum standen, war klar, dass wir hier ein anderes Kaliber vor uns hatten. Die Stimmung war bombe! Krass viel los und überall wurde getanzt und gelacht. Nicht wie in der Strandbar ruhig und gediegen, sondern ausgelassen und voller Energie war hier das Ambiente. Eine Band spielte live irischen Folklore, dann aber Klassiker und Neues. Ein irrer Mix, aber genial durch die Tanzbarkeit. Damit hatte ich nach der künstlichen Party-Welt vom Anfang des Abends gar nicht mehr gerechnet. Und war umso begeisterter.

Hier stehen Reinigungsfachkraft und Koch an der Theke, schauen den Tanzenden mit ungläubigem Blick zu. Eine Barfrau tanzt sich an beide heran, krasser Kontrast zwischen Kochschürze, Reinigungskleidung und knapp geschnittenem schwarzen Kleid. Hier tanzen Paare miteinander, küssen und umarmen sich, währenddessen im öffentlichen Raum auf der Straße nicht einmal Händchenhalten präsent ist. Wie passt das zusammen? Wie können sie sich zwischen solch radikal unterschiedlichen Welten bewegen? Was denken beide Seiten wohl voneinander?

Ein toller Abend war es jedenfalls. Ein Abend, der eine weitere Komponente zu meiner diesjährigen Maghreb-Erfahrung hinzugefügt hat. Die erste wirkliche Komponente des ausgeprägten Nachtlebens, des Zusammenpralls von Wellen, der unvereinbaren Puzzleteile.

Warum aber doch weiter, wo doch alles so genial ist, so perfekt und einzigartig? Und warum schon wieder Halbzeit?

Um ehrlich zu sein muss ich zugeben, dass ich jetzt gerade froh bin, meinen Flug für Ende November nach Katmandu und auch den Heimflug nach Frankfurt für März bereits gebucht zu haben. Denn eigentlich will ich hier gar nicht mehr weg. Eigentlich bin ich gerade hier, genau hier im Moment, da wo ich für immer bleiben will. Nah an Zuhause in Deutschland, nah an Action und Events, nah an Menschen, die dynamisch, offen und unglaublich beeindruckend sind. Nah an Inspiration und Ideen. Nah an einem neuen Zuhause und Zurechtkommen. Und nah an Wohlfühlen, Wissen und Weiterkommen. Toll, Tunesien! Danke für die wunderbare Zeit. An alle, die ich jetzt schon kennen gelernt habe. Laura, Christine, Philipp, Totti, Wiiik, Shaebi, Hamdi und all die vielen Lieben und Besonderen anderen. #TimeOfMyLife

Nachtrag:

Als ich abends beim Joggen am kleinen Friedhof vorbei bin, halte ich nicht wie gewohnt inne und laufe zurück. Stattdessen laufe ich weiter und weiter und weiter. Rechts die Straße zum Meer herunter, die in der Dämmerung menschenleer ist. Bis zum Strand, immer weiter der Nase nach. An der Wasserkante bahne ich mir meinen Weg zwischen Wellen und Sand, der Wind pfeift mir um die Ohren, zieht mich in alle Richtungen. Ich höre nichts mehr, gehe komplett im Rauschen des Meeres auf, das mich umgibt. Das Dröhnen des Windes übertönt den müden Körper und treibt mich vorwärts. Ich weiche den Anglern aus, deren Schnüre den Strand säumen und genieße den Sturm um mich herum. Ich spüre, wie ich mich entwickle, wie ich voran komme und wie lebendig ich bin. Und wäre nirgendwo lieber als hier.

One thought on “Olivenernte zur Halbzeit”

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