Eigentlich vergeht die Zeit ja viel zu schnell. Ich bin jetzt seit fast sieben Wochen schon in Taiwan; fast die Hälfte meines Praktikums habe ich auch schon hinter mir. Vor allem an den Wochenenden merke ich, wie schnell die Zeit wirklich vergeht – und mit einem Blick nach vorne wird daran auch plötzlich deutlich, wie wenig Zeit man noch hat. Ich muss es einsehen: vier Monate sind und bleiben einfach ein relativ kurzer Zeitraum. Vor allem, wenn man viel zu tun hat – und das habe ich zum Glück! Im Praktikum ist die ganze Woche etwas los, und auch die Wochenenden bin ich eigentlich immer unterwegs. Das Positive an dem Ganzen: ich habe viel Zeit gehabt, über die Dinge nachzudenken, die Taiwan besonders machen, und möchte diese gerne hier teilen.

方便 (adj. fangbian)

Wenn ich Taiwan mit einem Wort beschreiben müsste, dann wahrscheinlich mit „bequem“. Taiwan ist einfach ein wahnsinnig bequemes Land! Vor allem, wenn man in einer Großstadt lebt. Öffentliche Verkehrsmittel, Convenience Stores an jeder Straßenecke, günstiges und sättigendes Street Food zum mitnehmen, soweit das Auge reicht, und Hilfsbereitschaft und Unterstützung, wo auch immer man Menschen begegnet. Taiwaner sehen das genau so: gerade am Anfang meines Aufenthaltes fiel von vielen Gesprächspartnern im Kontext des Taipeier Alltags das Wort fangbian – bequem, komfortabel, mühelos. Das Wort wird sogar als Präfix verwendet für alles, dass schnell gehen muss, zum Beispiel Instant-Nudeln oder Fertigpizza.

Im Alltag merke ich das mit Schritt und Tritt. Supermärkte und Convenience Stores haben prinzipiell sieben Tage die Woche, vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet. Morgens um halb sieben keine Milch mehr für das Müsli? Nachts um halb elf kein Waschpulver mehr? SONNTAGS Lust auf Shoppen im Zentrum? Alles kein Problem, und deswegen wird mir immer wieder ganz warm ums Herz. Wenn ich hier erzählt habe, dass in Regensburg alle Läden zwischen 18:00 Uhr und 20:00 Uhr schließen und sonntags prinzipiell geschlossen sind, blicken mir entsetzte Gesichter entgegen. Allerdings: sobald ich das Konzept des deutschen Arbeitnehmerschutzes erkläre, bewundern dies die meisten Taiwaner eher (kurz am Rande: in Taiwan gilt eine gesetzliche 41 Stunden Woche, weshalb auch bei Family Mart und 711 in Schichten gearbeitet wird).

Diese taiwanesische Bequemlichkeit und Einfachheit kommt mit der EasyCard wohl am besten zum Ausdruck: die aufladbare Magnetstreifenkarte ist Fahrschein für den gesamten ÖPNV im ganzen Land sowie allen Fernzügen und -bussen. Gleichzeitig kann man damit an den meisten Convenience Stores kontaktlos bezahlen. Nie wieder mit Bargeld einen Papierschein beim Busfahrer rauslassen müssen – revolutionär! (oder auch nicht – auch in China, Korea und Japan ist dies seit vielen Jahren der Standard).

友好 (adj. youhao)

Wohin ich in Taiwan auch gehe, ich werde immer ausschließlich freudlich begrüßt. Vielmehr noch, oft habe ich das Gefühl, dass sich die Leute richtig freuen, wenn sie mich sehen. Schon wenn ich zum zweiten Mal ein Restaurant oder einen Street Food Stand besuche, werde ich erkannt. Fairer Weise muss ich aber auch sagen, dass ich als Ausländer in dieser Hinsicht allerdings auch den Vorteil der höheren Wiedererkennung habe. Trotzdem wurden mit der Frage, wo ich herkomme, schon viele nette Gespräche begonnen, vor allem in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Jedes Wochenende zum Beispiel frühstücke ich ein paar Hausnummern weiter in einem kleinen traditionellen taiwanesischen Frühstückslokal, und jedes Mal erfahren wir etwas mehr übereinander.

Besonders freue ich mich unter der Woche darauf, das Büro zu betreten – bzw. den Taipei 101, denn der Wächter vor den Aufzügen begrüßt mich jeden Morgen mit einem breiten Grinsen und einem freundlichen guten Morgen! Mittags gibt es ein guten Tag, und abends beim Heimgehen ein auf Wiedersehen.

Generell freuen sich Taiwaner immer, wenn man sie auf Chinesisch anspricht und in der Lage ist, sich mit ihnen zu unterhalten. Hen lihai wird mir oft gesagt, was soviel heißt wie super! Taiwaner erkennen die Schwierigkeit ihrer Sprache an und sind ehrlich beeindruckt, wenn man als Ausländer mit ihnen ein Gespräch führt – und sei es nur, dass man in der Lage ist, im Restaurant komplett auf Chinesisch zu bestellen und dabei vielleicht das Menü lesen zu können. Apropos lesen…

繁體字 (subst. fan tizi)

Ich habe vor ca. zweieinhalb Jahren in Peking relativ intensiv Chinesisch gelernt: vormittags Konversation, nachmittags Schriftzeichen. Auch wenn der taiwanesische Akzent sich vom Chinesisch in Peking unterscheidet, kann man sich mit dem auf dem Festland erlernten problemlos in Taiwan verständigen (um die sprachlichen Unterschiede so gut wie möglich zu verdeutlichen: Pekinger Chinesisch ist „schwerer“, d.h.: würde man in Festlandchina „Dschungel“ sagen, wird daraus in Taiwan „Dsungel“, um ein Beispiel zu nennen).

Bei den Schriftzeichen hingegen sieht es für mich nicht so rosig aus. In Festlandchina wurde das Schriftzeichensystem in den 1950er und 60er Jahren von der kommunistischen Regierung systematisch reformiert und vereinfacht – deswegen auch Kurzschrift genannt. Da Taiwan aber nach dem Ende des chinesischen Bürgerkriegs von der Kuomintang (Chinesische Nationalpartei, KMTkontrolliert war und deswegen eine eigene, unabhängige Politik weiterführte, fand diese Vereinfachung in Taiwan nie statt – genauso übrigens auch nicht in Macao oder Hong Kong – man behielt also die Langschrift. Ich erkenne zwar viele der traditionellen Schriftzeichen (繁體字, fan tizi) wieder, da nicht alle radikal vereinfacht wurden und nach wie vor einer grundlegenden Logik folgen. Viele allerdings sind für mich komplett neu: Bei feiji für Flugzeug wird 飛機 zu 飞机 vereinfacht, oder 會議 zu 会议 bei huiyi für Besprechung. Da aber alle Schriftzeichen eben systematisch vereinfacht wurden, erkennt man einzelne Komponenten immer wieder und kann somit recht schnell wieder aufholen. Trotzdem ist es nach wie vor frustrierend, selbst auf einem Restaurantmenü nur vereinzelt Schriftzeichen zu erkennen und dementsprechend Wörter zu erkennen (Fun fact: bis 2003 waren aus politisch-ideologischen Gründen in Kurzschrift geschriebene Bücher verboten).

袋子,乾淨,規定 (subst. daizi, ganjing, guiding)

Bu yao daizi, xiexie! Ich brauche keine Tüte, danke! Ein Satz, den ich im Alltag oft sagen muss – denn Plastiktüten bekommt man hier wie Sand am Meer. Bei jedem Einkauf, egal wie groß, wird alles eingetütet – Kaffee, Bubble Tea, Dumplings. Generell ist dieser viele erzeugte Müll leider Teil der Kehrseite der allgemeinen Bequemlichkeit und ausgeprägten Mitnehmkultur. Über Plastiktüten hinaus schmeißen Taiwaner täglich Tonnen von Pappbechern, Plastikflaschen, Einwegstäbchen, Styroporschüsseln, Pappteller und Gummis, die alles zusammenhalten, weg. Laut einer Statistik verbrauchen Taiwaner zehn Mal so viele Plastiktüten im Jahr wie Deutsche: im Schnitt 728 (袋子, daizi, Tüte). Was dem Ganzen zumindest etwas entgegenwirkt ist, dass in Taiwan gleichzeitig viel recycled wird – wenn auch in der Öffentlichkeit leider eingeschränkter und eher im Privaten zu Hause.

Trotz des vielen Mülls ist Taipei eine wahnsinnig saubere Stadt (乾淨, ganjing, sauber). Auf den Straßen liegt kaum Müll, es wird wenig geraucht, und jeden Abend wird in allen Nachbarschaften der Müll abgeholt um zu vermeiden, dass sich dieser zu Hause oder auf der Straße sammelt. In Taipei gibt es nämlich in den Wohngegenden keine zentralen Müllsammelstellen oder wohnungseigene Mülleimer, weshalb der Hausmüll täglich von einem Müllwagen abgeholt wird, der wegen seiner Ohrwurm-verursachenden Melodie stark an einen amerikanischen Eiswagen erinnert. Aber nicht nur die Straßen, sondern vielmehr noch die öffentlichen Verkehrsmittel werden makellos sauber gehalten. In Bussen und Ubahnen herrscht generelles Trink-, Ess- und Kaugummiverbot – eine Regelung die bedingungslos eingehalten wird, sodass wirklich alle ihre Getränke oder Mahlzeiten wegpacken, sobald sie eine Ubahnstation betreten.

無食品
Regeln wie diese werden in Taipeis ÖPNV grundsätzlich befolgt.

Generell werden in den Ubahnen außer dem Ess- und Trinkverbot viele Regeln eingehalten, von denen man in Deutschland im ÖPNV oft nur träumen kann (規定, guiding, Regeln). Dies fängt schon bei den Fahrkarten an: Das Konzept des Schwarzfahrens existiert in Taiwan nicht. In sämtliche Züge bzw. zu allen Gleisen, ob Nah- oder Fernverkehr, kommt man nur, wenn man durch swipen mit seiner EasyCard die Barriere zum Gleisbereich öffnet. Heißt also, dass man ohne gültigen Fahrschein nicht einmal zu den Zügen kommt. Im Bus wird vom Fahrer überprüft, ob man seine Karte geswiped hat. Angestanden wird für die Ubahn ausschließlich in Einzelreihen; eine auf jeder Seite einer Türe (durch die zusätzliche Sicherheitswand am Bahnsteig weiß man, wo genau die Zugtüren nach dem halt seien werden). Auch, dass man die Leute erst aussteigen lässt wird konsequent eingehalten. Und schließlich werden in der Ubahn die für Senioren, Schwangere oder körperlich Eingeschränkte markierte Sitze prinzipiell freigehalten, außer zu Stoßzeiten. Selbst dann aber wird sofort aufgestanden, wenn eine solche Person die Ubahn betritt. Und mein persönlicher Favorit: auf Rolltreppen rechts stehen, links gehen. #food4thought

安全 (adj./subst. anquan)

Ein besonders auffälliger Kontrast zu meinem vorherigen Aufenthalt in Mexiko ist der Faktor Sicherheit. Taiwan ist in (fast) jeder Hinsicht ein wahnsinnig sicheres Land. 2014 wurde es sogar zum zweitsichersten Land der Welt gekürt, nach Japan auf Platz eins. Diebstahl, Überfälle, Mord – einfach generelle Kriminalität – sind im Alltag eine Seltenheit. Wie in den meisten europäischen Ländern (und vor allem im Vergleich zu den USA) gibt es in Taiwan so gut wie keinen privaten Schusswaffenbesitz. Die ein oder zwei Morde im Jahr, die von viel Berichterstattung begleitet werden, sind ausschließlich Stichwaffen (und nachweisbaren psychischen Problemen) zu verschulden. Prinzipiell ist man zu jeder Uhrzeit, ob am Tag oder in der Nacht, in der Öffentlichkeit sicher. Die Wahrscheinlichkeit, dass mir noch was passiert, wenn ich mitten in der Nacht im Dunkeln zum 711 um die Ecke laufe, geht gegen Null. Mit vorgehaltenem Messer überfallen werden? In Mexiko leider Alltag, in Taiwan völlig undenkbar. Genauso kann man sich absolut sicher sein, dass einem der Geldbeutel in der Ubahn nicht aus der Hosentasche gezogen wird, oder dass Laptop und Tasche noch da sein werden, wenn man im Café kurz auf’s Klo geht und die Sachen unbeaufsichtigt liegen lässt.

Ein möglicher Grund für diese niedrige Kriminalitätsrate Taiwans ist womöglich die breite Unterstützung der Todesstrafe innerhalb der Bevölkerung – momentan nach Umfragen bei ca. 80%. Bei eben den paar Fällen im Jahr mit breitem Medieninteresse wird in der Bevölkerung ein rasches Urteil gefordert: wer einmal die vom Konfuzianismus so hoch geschätzte gesellschaftliche Harmonie gestört hat, verdient keine Chance auf Reintegration und muss „beseitigt“ werden – für die meisten Deutschen schwer nachvollziehbar.

Lediglich in Sachen Verkehrssicherheit könnte Taiwan noch etwas nachbessern. Auf taiwanesischen Straßen ist eine eindeutige Hierarchie erkennbar: „mit Größe kommt Vorrang“. Es gilt also: Bus – Auto – Roller – Fußgänger. Ampeln werden zwar grundsätzlich beachtet, allerdings drücken vor allem Rollerfahrer hier gern mal ein Auge zu. Und Roller gibt es in Taiwan mehr als Autos. Tatsächlich fallen auf knapp 23 Millionen Taiwaner über 11 Millionen registrierte Roller auf, mit vielen weiteren vermuteten nicht registrierten. Für Städte wie Taipei sind Roller auch genau das richtige, denn so können selbst die kleinsten und verwinkeltsten Gassen schnell und bequem durchquert werden. Was allerdings lobenswerter Weise bedingungslos eingehalten wird: Helmpflicht (die hingegen wiederum für Radfahrer nicht gilt).

多樣 (adj./subst. duoyang)

Der eben genannte Punkt bezüglich der Todesstrafe ist womöglich der einzige „Schandfleck“ der zwar relativ jungen, aber dennoch reifen und durchaus lebendigen Demokratie Taiwans. Erst 1987 wurde der 1949 nach der Flucht ins Exil ausgerufene Ausnahmezustand aufgehoben und das Land nach und nach demokratisiert. So ist aus Taiwan in relativ kurzer Zeit ein modernes, weltoffenes, tolerantes und fortschrittliches Land geworden. In den letzten Jahren – vor allem seit diesem Jahr, in dem Tsai Ing-wen die erste Präsidentin des Landes wurde – ist verstärkt eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Taiwans bemerkbar geworden. Präsidentin Tsai hat sich zum Beispiel im Namen der Regierung für das Unrecht gegenüber der taiwanesischen Ureinwohner entschuldigt. Diesen waren vor allem während der Zeit des Ausnahmezustands unter der KMT viele Rechte verwehrt geblieben. Außerdem wird Taiwan im kommenden Jahr aller Aussicht nach das erste Land in Asien, das die gleichgeschlechtliche Ehe UND Adoption legalisieren wird (wieder fällt auf: Deutschland kann hier von Taiwan viel lernen!).

Lebendig ist die taiwanesische Demokratie nicht nur, weil sich in der Bevölkerung offen und intensiv mit politischen Themen auseinandergesetzt wird, sondern auch, weil die Taiwaner sehr regelmäßig von ihrem Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit Gebrauch machen, dass ihnen ja erst vor 30 Jahren gegeben wurde. Blickt man regelmäßig in die Zeitung fällt auf, das fast täglich Proteste und Demonstrationen stattfinden – und jede Woche liest man, dass wieder das Parlament oder das Büro eines Politikers von Demonstranten gestürmt wurde, oder dass sich die beiden Parteien heftigst gegenseitig kritisieren. Viel mehr möchte ich über die politischen Seiten des Landes eigentlich an dieser Stelle nicht berichten – und es gibt sehr viel zu berichten – denn diesem Thema werde ich demnächst einen ganzen Blogeintrag widmen.

智能手機 (subst. zhineng shouji)

Zum Schluss noch eine kleine Sache, die im Alltag unmöglich zu übersehen ist. Fast noch mehr als in Korea wird der taiwanesische Alltag in eigentlich jeder Altersgruppe vom Smartphone dominiert (智能手機, zhineng shouji). Im Bus, in der Ubahn, im Aufzug, auf der Straße, auf der Rolltreppe, beim Rollerfahren: das Smartphone wird nicht aus den Augen gelassen. Besonders oft sieht man immer noch Pokémon Go Spieler, die teils beim Rollerfahren ihr Gerät auf der Suche nach Pokémon nicht aus der Hand legen. In verschiedenen taiwanesischen Städten ist es wegen Fußgängermassen wegen Pokémon Go schon zu Verkehrsstörungen und -blockierungen gekommen.

Soviel erst mal zu meinen Eindrücken zu Taiwan, die ich in den letzten sieben Wochen sammeln konnte. Wie ihr seht, ist der Alltag in Taipei und Taiwan aufregend, ereignisreich und vielfältig – langweilig war mir bisher noch keinen Augenblick. Und ich bin mir sicher, dass sich das in den nächsten zwei Monaten auch nicht ändern wird!

Zum Schuss noch ein kurzes Video, das ich auf YouTube gefunden habe, für einen audiovisuellen Eindruck von Taipei. Enjoy!

One thought on “Living in… Taipei”

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