Vorbemerkung: Die Artikel dieses Blogs spiegeln Einzelmeinungen und Stimmungen wider, die keineswegs auf alle Erlebnisse im gesamten Land zu übertragen sind. Insbesondere starke Empfindungen zu Beginn eines Aufenthalts, die noch wenig reflektiert werden konnten, sollen somit mit Vorsicht genossen werden. Zwar geschieht die Auswahl jedes Wortes im Moment des Schreibens mit großer Rücksicht, doch wird gebeten zu entschuldigen, falls dabei nicht immer ein objektives Gesamtbild dargestellt werden kann. Für Kommentare und Diskussionen stehen die Autoren gerne zur Verfügung.

Es ist Halbzeit. Halbzeit schon in Nepal, in dem ich doch seit gestern erst an die Tageszeit angepasst bin. Erst jetzt wache ich vor dem Wecker auf und brauche nur noch gute 8 statt satte 9 1/2 Stunden Schlaf, um einigermaßen durch den Tag zu kommen. Nach einem durchzechten Tunesienaufenthalt, sofern das für meine Verhältnisse überhaupt möglich ist, war der Anfang in Nepal erst einmal ernüchternd. Wann sie das letzte Mal nach Mitternacht schlafen ging, daran konnte sich meine Kollegin gar nicht mehr erinnern. Zwei, drei Mal pro Jahr vielleicht? Ich wollte es schlicht nicht wahrhaben und fragte meine Gastfamilie überzeugt nach dem Schlüssel für die Tür. Mit Tür meinte ich jedoch die Eingangstür, die Familie jedoch meine Zimmertür, sodass ich seitdem immer mein Zimmer verschließen muss, wenn ich gehe. Mein Gastvater bleibt aber meist bis 23 Uhr wach, sodass letztlich nicht einmal die verschlossene Eingangstür das Hauptproblem darstellt. Das liegt nämlich eher darin, dass die Stadt um mich herum bereits um 20 Uhr schlafen geht. Schlafen geht sie vermutlich nicht direkt, doch der Eindruck bleibt, da sich nach Einbruch der Dunkelheit um 18 Uhr nur noch minimales Leben außerhalb der Häuser abspielt. Darin liegt meine erste Erkenntnis: Nepal ist ein Land der Familie. Lasse dich hier lieber in einer Familie unterbringen, sonst verpasst du 90% des spannenden Teils des Lebens.

Unerwarteterweise bin ich tatsächlich selbst täglich um 22 Uhr ready for bed und nicht mehr in der Lage, irgendetwas zu tun. Nach rebellischen ersten Tagen gab ich den Kampf schnell auf und gehe brav nach dem Abendessen um 20 Uhr in die Schlafvorbereitung. Diese besteht aufgrund von Temperaturen von 8 Grad Celsius in meinem Zimmer vor allem darin, mich mit einer fetten und viel zu heißen Wärmflasche in mein Ehebett zu fläzen, Spotify’s Entspannungsplaylist auf volle Lautstärke zu drehen und mich in unzählige Decken zu mummeln. Wollleggins, Wollpulli und dicke Socken von Oma gestrickt dürfen dabei auf keinen Fall fehlen. So lässt es sich aushalten, doch sozial ist anders. Ganz allgemein ist der Winter keine besonders soziale Jahreszeit, das Leben spielt sich fast gänzlich in den Familien ab und die Suche nach warmen Orten außerhalb ist zäh. Zweite Erkenntnis ist also: Nimm dir warme Sachen mit, bring dir ne Kerze mit oder eine Lichterkette, die dem Neonlicht kontern.

Gemütlichkeit ist ein seltenes Gut in Nepal, so viel ist sicher. Es existiert in Ausnahmefällen, die jedoch nur für Touristen geschaffen werden, die die Nachfrage hochhalten. Der Durchschnittsnepali scheint nicht einmal wahrzunehmen, dass sich türkise Wände und knallige Neonbeleuchtung negativ auf feine Gemüter auswirken können. Faszinierend fast, dass sie so komplett immun dagegen sind und ihrer Meinung nach Harmonie durch möglichst viele vermiedene Farbtöne und Muster im Wohnzimmer entsteht. So gibt es auch keine Kamine, die knisternd Wärme für Körper und Seele spenden könnten. Es gibt nur selten Heizungen, die starre Glieder entspannen und kaltrote Hände entfrosten könnten. Und es gibt eine andere Geselligkeit im Sinne einer caring family, in der aufeinander eingegangen wird, in der ein liebevoller Umgang herrscht und in der Nähe gezeigt wird als in Deutschland. Dahinter steckt höchstwahrscheinlich ein System, das immer noch Ehen arrangieren lässt, da die Eltern viel mehr Lebenserfahrung als ihre Kinder hätten. Sie wissen, was der richtige Mann für ihre Tochter ist, denn sie leben ja auch bereits seit vielen Jahren mit ihrem Ehepartner. Fraglich dabei: Sie sind selbst einmal arrangiert verheiratet worden und haben vielleicht nie Liebe wirklich ausleben können. Nächste Erkenntnis hier: Es ist ein Land mit einer ganz anderen Form von Liebe. Ein Land, in dem das, was für uns üblich ist, nicht der Maßstab ist. Hier gibt es kaum gemischte Klassen, kaum Umgang zwischen Mädchen und Jungen, kaum Händchenhalten in der Schule, kaum Erlernen des gegenseitigen Miteinanders. Wie soll Wertschätzung entstehen, wenn immer eine Armlänge dazwischen bleibt? Hier soll nicht herausgelesen werden, Mütter könnten nicht liebevoll mit ihren Kindern umgehen, doch bleibt ein ungutes Gefühl für die Basis dessen. In einer Kultur, in der das Konzept Scheidung noch keineswegs gesellschaftskonform ist, bleibt fraglich, wie viel sich hinter den Türen und Fenstern wirklich abspielt.

Türen sind hier faszinierend ausdrucksvoll und oftmals wunderschön verziert. Holzschnitzereien im alten Newari-Stil lassen auf ein reiches kulturelles Erbe schließen, in dem mit ebenso reichen wie teuren Materialien gearbeitet wurde. Schnell verliert ein bloßer Betrachter hier jedoch die Dimensionen aus den Augen. Viele Türen sind nämlich unglaublich niedrig. Durch das Gartentor, das unser Nachbarhaus abgrenzt, komme ich nur durch, in dem ich mich in meiner Größe halbiere. Konstant bin ich einen Kopf größer als der Durchschnittsmann um mich herum. Das Tor nenne ich mittlerweile Tor der Demut wie in der Grabeskirche in Bethlehem, in der jeder Besucher, ob mächtig oder nicht, das Haupt in Demut neigen muss, um den heiligen Ort zu betreten.

Nicht nur meine Größe hebt sich von der der Nepalis ab. Auch meine Gangart fällt sofort auf. Ich könnte mich wohl genauso kleiden und würde dennoch alles überholen, was sich um mich herum bewegt. Abgesehen von einer Kuh, die es auf Passanten abgesehen hat, kommt im Feierabendverkehr wenig wirklich schneller voran. Vielleicht schlängeln sich Motorräder durch, doch angesichts der heillosen Verkehrssituation in der sich stetig verdoppelnden Hauptstadt bleiben auch diese nicht mal mehr in Bewegung. Einmal den dritten Gang einzulegen, komme einer Besonderheit gleich. Und dem Trödelgang der Nepalis, die oft in Flipflops oder ausgetretenen Plastikschuhen laufen, kann ich doch einiges entgegensetzen, in dem einfach zügig einen Fuß vor den anderen setze. Guter Plan, Umsetzung schwierig. Fakt ist nämlich, dass wir uns gerade inmitten eines gigantischen Straßenbauprojekts befinden, das spannenderweise die eigentliche Straße nicht einmal tangiert. Es geht darum, der erst kürzlich fertig gestellten Straße, nun Wasserleitungen zu gönnen, da Straßenbau in Etappenarbeit ja immer am wenigsten Auswirkungen auf das Straßenleben hat. So wurde die Straße fertig gestellt und in Betrieb genommen bis plötzlich herauskam, dass die Wasserleitung fehlt, mit der die wachsende Hauptstadt endlich genügend (?) Wasser für alle bieten könnte. In Teilen der Stadt kommt nur einmal pro Woche das Wasser, sodass stark rationiert werden muss, um in einer Großfamilie durch den Tag zu kommen. Verlegt wird dennoch nur ein Rohr, sodass im nächsten Schritt die Stadt von Norden bis Süden wieder komplett aufgerissen werden kann. Gleiches passiert nämlich nun auf der zweiten Straßenseite, sodass ich seit einem knappen Monat täglich durch Staub- und Kiesberge stapfe, die an Konsistenz und Dreckverbreitung an schmelzende Schneehaufen erinnern. Schuhe putzen wird dabei beim Lauf gegen die Zeit, das schnellste waren bislang fünf Minuten bevor die glänzenden Schuhe wieder grau waren. Erkenntnis hierbei: Gute Schuhe mitbringen, da man in einer Botschaft ja immer schön chic gekleidet sein muss, doch besser fliegen, damit sie nichts vom Straßendreck abbekommen.

Dreck landet jedoch leider nicht nur auf den Schuhen, sondern unglaublich schnell auch in den Wohnungen, in den Haaren, in der Kleidung und nicht zuletzt in der Nase. Naseschnäuzen ist nach nur dreißig Minuten Fußweg zu Nichtstoßzeiten schon ein Graus, da Grau dort eigentlich nicht hingehört. Umso krasser, wenn man liest, dass an jeder einzelnen Messstation in Kathmandu der Feinstaubwert das empfohlene Höchstmaß der WHO überschreitet. Zu egal welcher Tageszeit und zu jedem Wetter ist die Luft hier also besser zu vermeiden. Doch wie zum Beispiel durch Luftreiniger vermeiden, wenn den Familien das Kapital für Heizungen schon fehlt? Und wie viel bringen Luftreiniger, wenn die Fenster entweder undicht, oder die Wände direkt offen sind? Häuser sind hier keine geschlossenen Systeme, in die Dreck, Kälte oder Lärm nicht eindringt. Erkenntnis: Mh, was eigentlich? Nicht nach Kathmandu reisen? Den Tipp befolgen, den ich neulich auf einem Blog gelesen habe, maximal drei Tage hier zu bleiben? Oder in die Politik einsteigen, um dem etwas entgegenzusetzen?

Politik ist hier eine ganz eigene Angelegenheit. In „Einer für Nepal“ arg überspitzt dargestellt, ist es dennoch eine aussichtslose Situation, die wohl nur in Sarkasmus oder Suff erträglich wird. Bleibt die Frage, ob man dies überhaupt Politik nennen kann oder ob es eher Individualmachtkampf oder Selbstzweckinstrumentalisierung ist? Kommt aufs gleiche raus. Erkenntnis kurz und knapp: Wenn der Leiter der Anti-Korruptionsbehörde wegen Korruption gefeuert wird, dann ist etwas in der Politik grundlegend falsch.

Korruption findet sich nicht nur im Stimmenkauf oder im Untermauern von Gleichberechtigung, Rechtsstaatlichkeit oder kritischem Journalist. Nein, Korruption ist allgegenwärtig und unumgänglich. Dementsprechend ist die Möglichkeit, in Nepal ein Geschäft zu betreiben, für Deutsche undenkbar. Investieren – worein? Fördern – wen? Produzieren – was? Innovation – so weit kommt’s noch! Tatsächlich bleibt fraglich, warum Nepal partout kein Land der Innovation ist. Warum gibt es keine Ideen, keine Kreativität, kein Streben nach Besserung? Es gibt wenig Initiative, dem erstickenden Verkehr eine Tram entgegenzusetzen, die über der Straße fährt und erdbebensicher ist. Es gibt keine Marktsegmentierung in den Geschäften, die alle direkt nebeneinander liegen und wirklich exakt das gleiche Produktschema führen. Eins zu eins, die gleiche Anzahl an Schokoladen, die gleiche Werbung, der gleiche Verkäufer, der Tag für Tag vor dem Handy hängt, anstatt sich um etwaige Kunden zu kümmern. Faszinierend, dass diese Geschäfte überhaupt laufen, oder tun sie das gar nicht und keinen stört’s? Erkenntnis dessen: Kreativität in Nepal? Nein, ganz bestimmt nicht.

Kreativität äußert sich in vielen Ländern auch in kulinarischer Vielfalt, in der liebevoll immer neue Kreationen entstehen, die ausgewogen, gesund und lecker ernähren. Dies ist jedoch hier in Nepal wirklich keineswegs auch nur annähernd zutreffend. Frühstück gibt es schon einmal gar nicht. Tee gibt es, Chiya genannt. Dazu Kekse, die zu mehr als 30 Prozent aus industriell hergestellten Zucker bestehen. Dennoch wird davon nicht einer oder zwei gekostet, viel eher „naschen“ Familien wohl wie die meinige eher eine ganze Packung davon jeden Morgen. Ganz abgesehen vom Zuckergehalt des Tees, der mit drei Teelöffeln pro Tasse auch nicht gerade gering ist. Bis 11 Uhr wird ausgeharrt und groß gekocht, leider jedoch mit eher ernüchterndem Ergebnis. Jeden Tag gibt es nämlich ein und das selbe Gericht namens Daal Baat. Der Name setzt sich zusammen aus Daal für Linsen und Baat für Reis und genau das ist es. Der gleiche enorme Haufen Reis pro Person mit einer großen Schale voll Linsenbrei und einem kleinen Häufchen Gemüse daneben. Zu beachten ist hierbei, dass Kartoffeln durchaus auch als Gemüse zählen und auch gerne Nudeln zu Reis gereicht werden. Satte 90 Prozent des täglichen „Frühstücks“ sind somit absolut identisch und wechseln nur von Familie zu Familie und Sommerzeit zu Winterzeit zwischen gelbem und grünen Daal. Faszinierend ist, dass sogar das Gemüse absolut identisch schmeckt, egal ob Bohnen, Brokkoli, Blumenkohl oder nur Kartoffeln darin enthalten sind. Abends gibt es in vielen Familien eine minimale Abänderung dessen, die wir in meiner Familie in gerösteten Teigfladen (Roti) mit einer Schale Gemüse besteht. Erkenntnis dieses kleinen kulinarischen Ausflugs in die große Welt der nepalesischen Küche: Nepalis essen so als arbeiteten sie weiterhin alle auf dem Feld in der Sonne mit knochenharter Arbeit, obwohl insbesondere die Frauen heute zu bloßer Hausarbeit verdonnert sind. Ach ja, eine Ausnahme gibt es: Momos. Das sind urnepalesische Teigtaschen, die mit Gemüse/Chicken/Beef/Mutton/Fisch gefüllt werden, aber eigentlich aus Tibet stammen. Und auch Daal Baat erinnert letztlich leicht an indische Küche, aber pschhht!

Tja, Maoisten, Momos und mehr. Die Entwicklung bleibt spannend und es bleibt abzusehen, wann tatsächlich jemand herausfindet, was zwischen den pfiffigen Grundschülern und dem frustrierten, abgestumpften und nihilistischen Erwachsensein wirklich kaputt geht. Ist es fehlende Liebe in sich verändernden Beziehungen, die zu Neufindung und Neuanfängen drängt? Ist es schlicht immer noch zu warm, sodass nie wirklich der Drive für Kreativität und Innovation in kalten Wintermonaten bestand? Oder sind Nepalis einfach glücklich, weil sie jeden Tag den Himalaya sehen können, sodass alles andere gar nicht so wichtig ist?

Für mich ist Kathmandu die Unentschlossene, die sich dem Druck, der sie von allen Seiten zu zerquetschen vermag, nicht mehr lange entziehen kann. After some time wird sich zeigen, wer die Weichen für eine Zukunft stellt, die sich am Wohl der Menschen anstatt des Geldes orientiert. Die einen Rechtsstaat erschafft, der veraltetem Kastendenken die Stirn bieten kann. Die ein öffentliches Verkehrssystem ermöglicht, in dem die Busse nicht so voll sind, dass man ohnmächtig wird. Und die endlich wieder für alle die Sicht auf die höchsten Berge der Welt ermöglicht.

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