In Europa ist Lateinamerika heute leider nicht für viele tolle Sachen bekannt. Meistens drehen sich die Nachrichten um Drogen, politische Unruhen oder Steuerhinterzieher. Die Geschichte dieses Kontinents muss sich jedoch nicht vor der Europäischen verstecken. Und durch den Studienaufenthalt hier in Bolivien hab ich die grandiose Möglichkeit ein bisschen an der Oberfläche zu kratzen und etwas tiefere Einblicke zu gewinnen. So geschehen am letzten Wochenende: Ich war mit meinem Kurs „Patrimonio Cultural en Bolivia“ unterwegs. Der Professor hatte für den ganzen Kurs eine Reise nach Potosí und Sucre organisiert, um dort dem kulturellen Erbe Boliviens auf die Spur zu kommen.

Zuerst ging es spät abends los nach Potosí, und nach ca. 12 Stunden Busfahrt erreichten wir das um diese Uhrzeit sehr verlassene Busterminal müde aber gespannt auf eine neue Stadt, von der mir vorher wehr wenig bekannt war, die aber eine bedeutsame Geschichte hinter sich hat. Gegründet wurde Potosí von den spanischen Konquistadoren als sie in einem die Stadt überragendem Hügel auf eine Silberader stießen, und schließlich feststellten, dass fast der ganze Berg aus Silber und Mineralien bestehen zu schien. Durch die Gier der Spanier nach schnellem Reichtum gab es kein Halten mehr, und eine Metropole wurde aus dem Boden gestampft, die Mitte de des 16.Jh Städte wie London und Paris in ihrer Bedeutung und Größe bei weitem überragte.

 

Durch Gräuel wie die Mita (eine Art Zwangsarbeit für die Indigene Bevölkerung) wuchs und wuchs die Stadt, bis schließlich der Silberpreis so stark fiel, und die Mine einfach leer war, dass es sich nicht mehr lohnte so viele Menschen in der Mine zu beschäftigen. Natürlich waren die Menschen aber nun mal da, und blieben folglich dort, und mir scheint es als hätte sich die Stadt seitdem kaum verändert. Es wohnen zwar weniger Menschen dort, und natürlich gibt es moderne Technologie, doch von den einstigen Glanzzeiten zeugen nur noch der gigantische Plaza, eine riesige Kathedrale und die vielen Museen. Sonst scheint es eher trostlos. Glücklicherweise steht die gesamte Altstadt als Weltkulturerbe unter Denkmalschutz und die Häuser haben heute noch den wunderschönen Stil einer wohlhabenden Kolonialmetropole, mit sehr engen Gassen, kleinen Häusern mit Balkonen, viele Kirchen und Marktplätze. Bis auf die wenigen Touristen wirkt die Stadt aber fast wie ausgestorben, das Leben der einheimischen spielt sich wohl woanders ab.
Ein Highlight der Tour nach Potosí war sicherlich die Besichtigung einer Mine. Jeder bekam ein bisschen Schutzausrüstung und eine Stirnlampe und nachdem wir uns in einem kleinen Shop noch mit Coca-Blättern, Dynamit und 96%igem Alkohol versorgt hatten um dem Minengott ein angemessenes Opfer zu bringen, stiegen wir durch einen kleinen feuchten Tunnel in das Innere des Cerro Rico. Unserem recht motivierten Tourguide war es zu verdanken, dass der Ausflug auch eine Spur Abenteuer hatte. Er ließ es sich nicht nehmen, uns über mehrere Strickleitern und Bretter ca. 50 Meter hinabsteigen zu lassen, sodass spätestes nach der zweiten Kurve der letzte die Orientierung komplett verloren hatte. Da die Mine nach wie vor in Betrieb gehalten wird, konnten wir selbst manche Silberader bestaunen, an der noch gearbeitet wird. Insgesamt fand ich es sehr beeindruckend unter welch schaurigen Umständen Menschen immer noch dort arbeiten, und nach 2 Stunden war ich durchaus froh das Sonnenlicht wieder zu sehen.

Hinab in die Mine

Am nächsten Tag ging es dann weiter mit dem Bus nach Sucre, der offiziellen Hauptstadt Boliviens. Sucre hat übrigens nichts mit dem französischen Wort für Zucker zu tun, sondern wurde nach dem Freiheitskämpfer Antonio Jose de Sucre benannt. Früher hieß die Stadt wegen ihrer Nähe zur Silberminenstadt Potosí La Plata, und wurde erst nach der Unabhängigkeit umbenannt.
Historisch ähnlich bedeutsam wie Potosí könnte die Stadt sonst jedoch nicht unterschiedlicher sein. Sucre gilt als das intellektuelle Zentrum Boliviens, von der ältesten Universität des Landes wurden immer wieder Revolutionen angezettelt, und auch heute zeugen viele Konzerthäuser, Museen und Bibliotheken vom geistigen Reichtum der Stadt. Das Stadtbild ist geprägt von niedrigen weißen Häusern aus der Kolonialzeit, vielen Kirchen, vielen Verwaltungsgebäuden im Klassik- oder Barockstil (der Patrimonio Kurs hat durchaus seinen Sinn erfüllt…) und ist, ähnlich wie Rom, von mehreren Hügeln umgeben. Auf einem der Hügel liegt das 1600 gegründete Franziskanerkloster la Recoleta, von wo aus es einen traumhaften Blich über die Stadt gibt, und das einen uralten hölzernen Chorgestühl besitzt. Im casa de la libertad wurde einst die Unabhängigkeit Alto Perús (heute Bolivien) von Simon Bolívar unterzeichnet, sodass Sucre heute von historischer Bedeutung für viele Südamerikanische Staaten ist. Sucre stellt wirklich einen starken Kontrast zum schroffen, kalten, bergigen La Paz dar, allein schon wegen der unzähligen Touristen aus aller Welt die sich dieses Highlight auf ihrer Südamerikareise nicht entgehen lassen, und könnte äußerlich auch eine Stadt in der Toskana sein.

Schoko aus Sucre, ein anderes Highlight

Besonders in Erinnerung wird mir der Besuch eines Konzertes in Sucre bleiben. Wir hatten die Möglichkeit durch die Kontakte unseres Professors einen Auftritt der bolivianischen Band Las Masis mitzuerleben, die eine Mischung aus Rock und traditioneller indigener Musik betreiben. Gleichzeitig unterhalten sie eine Musikschule, die den Kindern kostenlos Musikunterricht gibt, und dabei versucht indigene Werte weiterleben zu lassen. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Gitarristen der Band fand ich heraus, dass sie jedes Jahr eine Europatournee unternehmen um die Schule zu finanzieren, und dabei schon des Öfteren in Würzburg gespielt haben. Nach dem Bekanntwerden meines Geburtsortes war schnell Freundschaft geschlossen und die Preise an der Bar dem Einheimischen Tarif angeglichen…

Am Sonntagabend ging es mit dem Bus wieder heim nach La Paz, und der Uni-Alltag hat mich wieder eingefangen. Definitiv hat die kleine Tour aber Lust auf mehr gemacht, und in den nächsten Wochen plane ich eine Reise zum Salar de Uyuni und vielleicht endlich ans Meer nach Chile.

 

Hasta luego, Muchachos!

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