Nunja, zugegebenermaßen war es schon selten clever, sich für die härteste Winterzeit in ein Entwicklungsland am anderen Ende der Welt zu begeben. Wohl wahr. Es gibt keine Heizungen und frieren wird eher als gemeinsame Herausforderung angesehen, der wir uns als (Gast)Familie stellen müssen. So sitzen wir mit Winterjacke, Mütze und Schal im Wohnzimmer vor dem Fernseher, in dem halbvertrautes Hindigeplärre läuft und frieren im Kollektiv. „It’s so cold, isn’t it?“ – entnervtes Bejahen meinerseits und „Yes, yes, we are all veeeery cold“ als Antwort, von dem mir aber auch nicht wärmer wird. Volkssport Frieren im Winter und das in einer Familie, die sich einen kleinen Heizer nicht zuletzt durch meine Miete sicherlich leisten könnte. So komme ich mir doch ein wenig dumm vor, zumal ich eine von drei Einnahmequellen bin, da das Untergeschoss an Studenten und eine andere Wohnung an eine Familie vermietet sind. Nunja, vielleicht stärkt die Kälte hier auf einfach den Familienzusammenhalt und nur ich fühle mich dadurch noch nicht so super zusammengehalten aber das kann ja noch kommen. Fakt ist: Morgen geht’s unter 0, wir haben keine Heizung, offene Fenster, Luftschächte in den Wänden und ich miese Stimmung. Doch wie es denen geht, die in Wellblechhütten keine zweihundert Meter weiter immer noch auf ihre Erdbebenentschädigung warten, das will ich mir gar nicht vorstellen. In ihrer Haut würde ich gerade nämlich nun wirklich nicht stecken.

Trotz allem habe ich mich mittlerweile wenigstens kulturell akklimatisiert und eingelebt. Mich haut der Verkehr an immer weniger Tagen von den Socken, weil ich weniger das Chaos hinterfrage, sondern es einfach hinnehme. Ich entdecke immer wieder Oasen, in denen sich ein Nachmittag ideal verbringen lässt. Das mag bei einer lieben Kollegin sein, die ein wunderbares Little Germany vollbracht hat, ein Weihnachtsmorgen im T-Shirt im Garten vom Café Soma oder im vegetarischen israelischen Restaurant OR2K, von dem man einen zum Träumen einladenden Blick auf den See von Pokhara hat. Solche Orte tun gut und lassen die Seele doch für einen Moment zur Ruhe kommen.

Letzten Sonntag habe ich in einer weiteren Oase fasziniert zugeschaut, als beim großen Bouddhanath, dem wiederaufgebauten buddhistischen Tempel viele Mönche zum Gebet zusammenkamen. Sie ehrten den Tempel, der im gleichen Jahr des Hahnes gebaut wurde wie wir es dieses Jahr wieder haben. Von einer Terrasse auf Höhe des Tempels hatten wir einen perfekten Blick auf die vielen Mönche, die in verschiedenen Rottönen um den Tempel herum Platz nahmen. Nach gespanntem Warten beteten sie gemeinsam, während einer von ihnen bestimmt zwei Stunden lang tibetische Gebete sang. Faszinierend, wie lange sein Atem reichte, mit dem er kontinuierlich in eher monotoner Stimmlage seine Gesänge vortrug. Wenn er sich mal räuspern musste, merkte man jedoch, dass die Betenden ihn eher murmelnd begleiteten und anders als unser Kirchgesang weniger laut mitsangen. Spannend war, dass selbst sehr junge Mönche darunter waren, die kaum sechs Jahre alt waren und den Gebeten offenkundig nicht so viel Spirituelles entnahmen. Dennoch waren sie Teil der Zeremonie und auch sie erhielten allen Anscheins nach einen Anteil der Spenden, die auf alle Mönche aufgeteilt wurden. Da sie, soweit ich bislang verstanden habe, bei Eintritt in die „Bruderschaft“ all ihren Besitz an die Gemeinschaft übergeben, scheint bereits eine geringe Spende für den persönlichen Gebrauch willkommen.

Silvester in Nepal zu feiern war auch nicht gerade leicht, da zwar jedes Restaurant, das etwas auf sich hält, eine New Year’s Party anbietet, doch diese meist absurd überteuert sind und dennoch nicht viel anderes als an normalen Tagen anbieten. Somit schmiedeten wir den Plan, nach Pokhara zu fahren. 200 km klingt erst einmal gar nicht so schlecht, die 5:40, die Google Maps für die Straße anzeigt jedoch umso mehr. Da die Straßen durchweg nur zweispurig sind, selten eine Leitplanke besitzen, aber fast konstant direkt an der Kante zum Abgrund verlaufen, ist die Straße sogar für flinke Motorräder eine ziemliche Tortur. Mit dem Public Bus dauerte das ganze von Bushaltestelle in Kathmandu bis nach Pokhara tatsächlich knappe 8 Stunden und der erste Tag war so gut wie dahin, aber immerhin kamen wir heil an, hatten auf dem Weg feinen Kaffee und waren mit vielen Plätzchen und Obst gewappnet. Ich hatte viel zu sehen, genoss den Blick über die engen Täler mit Treppenanbau, den kleinen Einblick in das halbländliche Leben und wunderte mich über Architektur, deren letzter Schrei eine Mischung aus griechischen Säulen, französischen Balkonen, nepalesischen Flachdächern und Prinzessinenschloss ist. Nicht zu vergessen, dass es in einer Mischung von Knallpink, Quietschgrün und Himmelblau gestrichen sein muss. Fabelhaft. Krass jedoch war vor allem der Kontrast dessen zum Nachbarhaus, das aus alten Hölzern, knapp zwei Stockwerken und Lehm gebaut ist. Das hat die Erdbeben offensichtlich am besten überstanden.

In Pokhara gab es einen See, aber auch ein Neujahrsfest, das nicht unseren Jahreswechsel, sondern den der Newaris, der traditionellen Nepalis markierte. Diese feierten auf einem Street Festival, von dem für mich vor allem die für Autos geschlossene Straße erfreulich war. Alles andere – angeheiterte halbstarke Nepalis, die Arm in Arm durch die Straßen ziehen, leuchtende Hörnchen auf den Köpfen tragen und Passanten angrölen – hätte ich mir von dieser Celebration gerne schenken können. So war ich froh, den Großteil des Samstags abseits zu verbringen und erst abends von diesem Getümmel erfasst zu werden. Vor Sonnenaufgang fuhren wir mit dem Taxi hoch in das einige Hundert Höhenmeter erhoben liegende Sarangkot auf den höchsten Aussichtspunkt, den wir finden konnten. Dort waren bereits zahlreiche Sonnenanbeter versammelt und genossen den Anblick, der sich uns bot. Es war unglaublich! Das Annapurna-Massiv, das wohl den zweitbekanntesten Teil des Himalaya ausmacht, war zum Greifen nah und am liebsten wären wir aufgebrochen, um uns dorthin auf den Weg zu machen. Langsam nach und nach zeichneten sich die Gipfel immer klarer ab, die immerhin sechstausend Meter überschreiten. Atemberaubend war die rötliche Färbung des Morgenlichts, der aufgehende Sonnenball und die faszinierend klare Sicht. Eine einmalige Chance, die mich für die sichtlosen Wochen davor im staubigen Kathmandu wieder in Minuten entschädigte. So blieben wir lange, genossen die Sicht über das Tal beim tibetisch-nepalesischen Frühstück und machten uns erst auf den Weg, nach dem wir noch einmal zum höchsten Punkt zurück gegangen und die Berge noch einmal einzufangen versucht hatten.

Von Sarangkot führt ein kleiner Weg durch das wirklich ländliche Leben hinab ins Tal über Felder, durch Dörfer, einen waschechten Urwald und mitten durch das alltägliche Schaffen. Faszinierend, wir auch hier alles parallel ist: traditionelles Handwerk mit Ochsenpflug neben Neubauten zuvor beschriebener Art. Cafés und Unterkünfte für die Touristen mit Tee aus Lemon Grass, das im eigenen Garten angebaut wird. Ein kleiner Fußpfad, der ein neues Straßenprojekt kreuzt, das eine weitere Teerwüste schafft. Oft findet man so vieles nebeneinander, das in unmöglicher Gegensätzlichkeit das Gesamtbild Nepal ergibt.

Aktuelles aus Nepal: Während ihrer Menstruation wurde ein 15 Jahre altes Mädchen namens Roshani Tiruwa aus dem Haus geschickt wie es in vielen Teilen des Landes Tradition ist. In einer Hütte musste sie ihre „Unreinheit“ absitzen, entfachte dabei ein Feuer um sich zu wärmen und erstickte. Nicht selten sind diese Fälle, die dennoch viel zu selten an die Öffentlichkeit gelangen, geschweige denn zu einem Überdenken der alten Tradition führen.

Hier geht’s zum Artikel von der WELT oder von der Sueddeutschen.

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