Über das Verfolgen der Geschehnisse in Deutschland aus dem Ausland

Ich bin jetzt seit ca zwei Monaten in Bolivien, und fühle mich so langsam wirklich angekommen. Inzwischen reg ich mich über den Leistungs- und Prüfungsstress an der Uni hier auf, bin eher genervt davon, dass das Futsal Team der Uni immer noch nicht stattfindet, hab Muskelkater vom Klettern, und lebe ansonsten ganz entspannt so etwas wie Alltag. Alles quasi wie in Deutschland also…


In letzter Zeit hatte ich aber auch das Bedürfnis mich wieder ein wenig mit Ereignissen in Deutschland auseinanderzusetzen. Irgendwie hab ich eines Morgens zum Frühstück die Bayern 2 Radiowelt gehört und war relativ schockiert, wie die Zustände in Deutschland gerade wohl sein müssen. Dort war die Rede von Straßenschlachten von Links- wie Rechtsradikalen mit der Polizei, von ungeheuren Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime, ganz zu schweigen von der martialischen, populistischen Rhetorik Politiker verschiedener Parteien. Dann die Landtagswahlen, ein politischer Erdrutsch, ein Desaster für die Demokratie, so wurde berichtet. Wahnsinn, dachte ich mir! Bricht da jetzt eine Revolution aus, und ich bin nicht dabei?

So langsam fing ich an immer mehr deutsche Zeitungen (vornehmlich die Zeit und die Süddeutsche) online zu lesen, um zu versuchen ein bisschen mehr Hintergründe rauszukriegen, und mir fiel auf, wie weit weg ich nicht nur im geografischen Sinn vom Tagesgeschehen in Deutschland bin. Knapp ein Monat ist vergangen ohne dass ich bewusst weniger Informationen aus Deutschland an mich heran gelassen habe (Außer dass meine Internet -Geschwindigkeit es nur selten zulässt Facebook-Videos anzuschauen), aber irgendwie war es sehr schwer Details, Vorgeschichten, Zusammenhänge und Reaktionen im Nachhinein zeitlich und inhaltlich zu ordnen. Dann wurde mir aber schnell klar, wie wichtig es ist, sich wirklich in diese Details rein zu wühlen. Denn die Landtagswahlen, so schockierend ich manche Ergebnisse draus auch finde, waren ja nur in drei Bundesländern. Die Flüchtlingssituation ist in Deutschland ruhig wie lange nicht mehr dafür natürlich auf dem Balkan umso schlimmer. Griechenland ist immer noch pleite, die EU immer noch zerstritten und der FC Bayern ist immer noch Tabellenführer. Alles wieder ganz normal, dacht ich mir, und mir wurde bewusst, wie ungefiltert und aus dem Zusammenhang gerissen meine Infos waren.

Wen verwundert es also noch, dass Viele ein so falsches, oberflächliches Bild von „Afrika“ oder „Amerika“ haben, wenn ich es selbst bei der hoch gepriesenen deutschen Presse nur durch tägliches Lesen schaffe, mir einen einigermaßen reflektierten Gesamteindruck zu machen, von einem Land, das ich glaubte in und auswendig zu kennen. Wenn dann die Nachrichten aus dem gefährlichen Afrika oder vom Drogenhandel in Südamerika so ungefiltert ankommen, ist es ja fast eine logische Konsequenz Vorurteile und Stereotypen zu entwickeln, weil sich die „Fakten“ ja doch immer ähneln.

Ich habe natürlich auch keine Lösung um das zu ändern, aber dennoch bin ich so um eine Erfahrung reicher, die mich nicht nur mit Blick auf Deutschland weiterbringt, sondern sicher auch in anderen Ländern in welchen es die Chance gibt Nachrichten im Netz zu verfolgen.

So erreichen mich zum Beispiel Nachrichten aus den USA, wo es angeblich einen aussichtsreichen republikanischen Präsidentschaftskandidaten geben soll, der eine Mauer zu Mexico bauen will, Muslime des Landes verweisen will und Waffen noch freier verkaufen lassen will. Bestimmt nicht so schlimm, wie es berichtet wird. Oh, wait…

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