Ende Mai wurde hier in Marokko die Zeit umgestellt. Obwohl Sommer ist, gibt die Winterzeit für einen Monat die Zeit im Land vor und bestimmt das Leben der Menschen.  Für uns hier in der Hanns-Seidel-Stiftung in Rabat bedeutet dies eine ganz besondere Zeit. Vom 6. Juni bis 6. Juli 2016 feiern sämtliche Muslime den heiligen neunten Mondmonat des islamischen Kalenders, der sich Ramadan nennt. Die arabische Bedeutung bedeutet übersetzt „Der heiße Monat“ und bezeichnet die Zeit, in der laut islamischer Tradition der Koran herabgesandt wurde. Damit zählt das heilige Fasten im Ramadan (Saum) zu den fünf Säulen des Islams:

  • Schahāda (Bekenntnis)
  • Salāt (Gebet)
  • Zakāt (Almosensteuer)
  • Saum (Fasten)
  • Haddsch (Pilgerfahrt)

Da ich, die ich derzeit im Regionalbüro der Hanns-Seidel-Stiftung ein Praktikum absolviere, nun seit knapp einem halben Jahr in Marokko lebe, hier ein Semester lang studierte und bereits viel vom Land mitbekommen habe, haben mich die vielen kleinen Verweise und Erzählungen über diese besondere Zeit fasziniert. Nun möchte ich berichten, wie ich den Ramadan von Rabat aus miterleben durfte. Zunächst gilt es, einige der Fragen zu beantworten, die ich mir selbst in Bezug auf den Ramadan schon immer gestellt habe.

Wann wird gefastet?

Spannenderweise wird der Beginn des Ramadan zwar geschätzt, aber nicht vorberechnet, sondern manuell von den Ulema, den Weisen, die den Koran interpretieren, entschieden. Sobald sie nach dem ersten Neumond im Monat Ramadan die Mondsichel mit bloßem Auge erkennen können, wird der Beginn der Fastenzeit ausgerufen.

Was wird gefastet?

Während des Ramadans wird von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen, Trinken, Rauchen, Tratsch und körperliches Begehren verzichtet. Es ist allerdings auch eine Zeit der spirituellen Annäherung an Gott, in der Muslime Gott sehr nahe kommen. So kleiden sich die Marokkaner während des Ramadans auch traditioneller und schauen schönen Frauen auf der Straße nicht mehr hinterher – so sagt man. In einigen Ramadan-Selbstversuchen von Nichtmuslimen, die ich im Laufe der Recherche las, wurde jedoch Wasserdampf eingeatmet, was angeblich vom Fasten ausgenommen ist. Allerdings ist selbst auf das Kaugummikauen zu verzichten.

Warum wird gefastet?

Gründe für das Fasten sind zahlreich und zeugen vom muslimischen Glauben und dem Streben nach stärkerem Vertrauen in Gott. Es ist eine Möglichkeit um sich in Selbstdisziplin zu üben und Gottes Geschenk besser wertzuschätzen. Außerdem zeigen sie durch ihr Fasten und die Entbehrung von Luxus ihre Verbundenheit und Sympathie mit ärmeren Menschen. Zudem ist der Saum (Fasten) neben dem Zakat (Almosensteuer) eine der Säulen des Islam, um sich in Generosität und Barmherzigkeit zu üben. Auch dem Heiligen Koran wird in gläubiger Verbundenheit aller Muslime gedankt, da dieser laut ihrer Auffassung im heiligen Monat des Ramadan herabgesandt wurde.

Wer fastet?

Prinzipiell fasten alle gläubigen Muslime und sogar diejenigen, die sonst nicht viel beten. Ausgeschlossen sind allerdings Kinder, Jugendliche in der Pubertät und Menschen, deren gesundheitliche Situation die körperliche Anstrengung nicht zulässt. Zusätzlich dazu sind Schwangere und Stillende auch vom Fasten ausgenommen, allerdings holen sie das Fasten später nach oder tätigen stattdessen eine angemessen reiche Spende. Vor der Fastenzeit sollte man sich einer gesundheitlichen Prüfung unterziehen, um herauszufinden, ob man für den Ramadan für tauglich empfunden wird.

Was passiert wenn man nicht fastet?

In Marokko gab es in den letzten Jahren vermehrt Fälle von Gruppierungen, die gegen den Ramadan protestierten, in dem sie zu öffentlichen Picknicks einluden. Da der Verzehr von Nahrungsmitteln während der Fastenzeiten in Marokko jedoch unter Strafe steht, wurden dementsprechende Verfahren eingeleitet.

 

Zudem ist es sehr auffällig, selbst als offensichtliche Nichtmuslimin auf der Straße zu essen, und zieht viele Blicke an. Jedoch erweckt es auch ein sehr freundliches Interesse der Marokkaner, ob ich faste oder nicht und ich musste mich beispielsweise am Flughafen lange verteidigen, warum ich denn nicht fastete. Dieses starke und Anteil nehmende Interesse der Marokkaner zeigt wie tief verwurzelt diese seit Jahrtausenden bestehende Tradition ist und wie auffällig von der Normalität abweichende Fälle sind. Nur die Erklärung, ich sei doch gerade auf Reise, woraufhin ich vom Fasten ausgenommen bin, eröffnete mir den Weg durch die Passkontrolle in Marrakesch, verschaffte mir aber auch ein spontanes Heiratsangebot.

Wie endet der Ramadan?

Am Ende des Ramadan wird Eid ul-Fitr gefeiert, der das Ende des Saum, des religiösen Fastens markiert. Im nächsten Jahr wird der Ramadan 11 Tage früher stattfinden als dieses Jahr, da er sich nach dem Mondkalender richtet.

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