Mundschutz, Warteschlange, Abstandhalten, Ausweis, Temperaturmessen, Desinfektionsmittel. Die Liste der Schritte zum Betreten der Supermärkte in meiner temporären Heimat Bogotá wird immer länger.Nach einigen Minuten Anstehen auf den in zwei Metern Abstand angebrachten Markierungen am Gehsteig erreiche ich den Supermarkteingang. „Seguridad Privado“ verkündet die Uniform des Personals am Eingang, dessen Routineaufgaben sich mittlerweile deutlich über das außerpandemische freundliche Kopfnicken erstrecken. Ich zeige meinen Reisepass und deute auf die Nummer rechts oben. Die Frau mir gegenüber nickt, misst meine Körpertemperatur mittels kontaktlosem Infrarotthermometer und fragt, durch den Mundschutz gedämpft, „Irgendewelche Symptome?“

Abbildung 1: Anstehen zum Supermarkteingang.  Gewartet wird auf Bodenmarkierungen in 2m Abstand. Bild: © Daniela Rendón

Nachdem ich verneine und das Thermometer 35,7 anzeigt, wird mir antibakterielles Gel in die Handfläche gespritzt und ich darf eintreten. Jetzt nur nichts vergessen, denn morgen darf ich nicht einkaufen gehen.

Während sich die Situation in Europa langsam normalisiert, gehören in Südamerika Szenen wie diese weiterhin zum Alltag. In Bogotá befinden wir uns immer noch im seit 20. März 2020 bestehenden Aislamiento Preventivo Obligatorio (mehr dazu siehe Artikel Pandemie bis auf den letzten Peso) und ein Ende ist eher nicht in Sicht. Auch wenn inzwischen neben notwendigen Besorgungen, Bank- und Arbeitswegen körperliche Betätigung im Freien erlaubt wurde und die meisten Geschäfte wieder aufgesperrt haben, ist von Normalität noch keine Rede. Allerdings unterscheidet sich aufgrund der aktuellen Sonderregelung zur Ansteckungsreduktion ein Tag momentan durchaus vom nächsten. Doch was hat es mit der Passnummer am Supermarkteingang auf sich und zeigen die Maßnahmen Wirkung?

Pico y Cédula: Ausweisnummern und Besorgungen

„Bist du gerade oder ungerade?“, ist inzwischen die typische Frage in meinem Haus, wenn ein Mitbewohner Hilfe beim Tragen der Einkäufe braucht. Der Grund dafür ist Pico y Cédula, die aktuelle Sonderregelung zur Reduktion der Ansteckungszahlen in Bogotá, welche anlässlich der 50%-igen Auslastung der medizinischen Intensivversorgungsplätze eingeführt wurde. Seit drei Wochen dürfen nun an geraden Tagen (also 16., 18., 20., 22.,… Juli) in Geschäften nur noch Menschen bedient werden, deren Ausweisdokument eine ungerade Endziffer aufweist, an ungeraden Tagen können dann Menschen mit geraden Endziffern ihre Besorgungen erledigen.

Unannehmlichkeiten beschert die neue Regelung der geraden und ungeraden Einkaufstage vor allem Berufstätigen, die an ihren freien Tagen nun auf das richtige Datum hoffen müssen, um Besorgungen erledigen zu können. Auch das Fälligkeitsdatum von Bankzahlungen wird jetzt des Öfteren um einen Tag überzogen. Gleichzeitig beobachte ich einen gewissen Einfallsreichtum zur Umgehung der Einschränkung in meinem Umfeld: Ausländer mit längerem Aufenthalt nutzen je nach Tag die Cédula (kolumbischer Personalausweis) oder den Reisepass, wenn sie unterschiedliche Endziffern aufweisen. Ausweise werden zwischen ähnlich aussehenden Freunden verborgt. Ich frage mich nicht nur einmal, ob die Maßnahmen wirklich greifen, denn nach meinen Erfahrungen lassen sich die Menschen hier ungerne von Seiten der Politik in ihrem Privatbereich einschränken.

Zugegebenermaßen werden die Kontrollvorschriften so gründlich wie eingangs geschildert meiner Erfahrung nach nur im Éxito, der größten Supermarktkette Kolumbiens, durchgeführt. In kleineren Supermärkten kontrollieren die Kassiere. Die Frutería ums Eck vertraut auf die Gesetzeskonformität ihrer Kunden und beschränkt sich auf Desinfektion. Ein anderes Extrem begegnet mir beim Betreten eines Kleidungsgeschäftes, wo zusätzlich zur Kontrolle noch die persönlichen Daten – inklusive Pass-, Telefonnummer und Körpertemperatur – auf Papierzetteln aufgenommen werden, was datenschutzrechlich doch eher bedenklich scheint.

Zusätzliches Unbehagen verursacht mir in meinem momentanten Alltag, dass ich auf jedem Besorgungsgang meinen Reisepass mitnehmen und offen herzeigen muss, da mir mit meiner temporären Aufenthaltsgenehmigung kein kolumbianischer Personalausweis ausgestellt wird. Einerseits oute ich mich dadurch noch offensichtlicher als durch die blonden Haare als Touristin, was ich auf offener Straße sonst eher zu vermeiden versuche. Dass ich in drei Wochen daraus noch keine negativen Konsequenzen gezogen habe, widerspricht allerdings zumindest den vorurteilsbehafteten Sicherheitsbedenken vieler Europäer gegenüber Kolumbien. Andererseits ziert ebenjenen Reisepass ein Anfang Mai abgelaufener Aufenthaltstitel, den ich (erlaubterweise) bis zum Ende der Quarantäne nicht verlängern kann.

Pico y Placa: Nummerntafeln und Stoßzeiten

In europäischen Augen eher kurios, gehören Datumsregelungen für Bogotaner schon länger zum Alltag. Unter dem Namen Pico y Placa wird die Zirkulation von privaten Kraftfahrzeugen zu Stoßzeiten schon seit 1998 eingeschränkt, um das Straßennetz zu entlasten. So dürfen je nach Endziffer der Nummerntafel jeden zweiten Tag andere Fahrzeuge zur Rush Hour morgens und abends auf den Straßen unterwegs sein. Während der Quarantäne ist die Regelung allerdings ausgesetzt, da vom generellen Bewegungsverbot ohnehin nur spezielle Fälle ausgenommen sind, die dann auch ihr Auto benutzen dürfen.

Pico y Género: Geschlechteridentifikation und Besorgungen

Vom Datumssystem auf den Straßen leitete die Stadt Bogotá allerdings nicht direkt zum System der Ausweisnummern über, wie dies beispielsweise in Medellín zu beobachten war. Als Vorgänger der aktuellen Pico y Cédula-Regelung galt hier in der Hauptstadt im April das System Pico y Género, wonach Frauen an geraden, Männer an ungeraden Tagen für essenzielle Besorgungen das Haus verlassen durften. Kulturell interessant fand ich hier die Zusatzklausel, dass Mitglieder der LGBTQ Community an jenem Tag ihre Besorgungen erledigen sollen, mit dessen Geschlecht sie sich identifizieren.

Picos und Pandemia: Beschränkungen, steuerfreie Tagen und Fallzahlen

Bei allen datumsabhängigen Beschränkung stellt sich natürlich vor allem die Frage: Sind die Maßnahmen wirkungsvoll? Ein Blick auf die immernoch exponentiell steigende Zahl bestätigter Covid-19 Fälle in Bogotá (siehe Abbildung 3) wirft kein positives Bild. Auch dass nach der Pico y Cédula-Regelung auf den Straßen noch sehr reges Treiben herrscht, und sogar oft deutlich mehr Menschen auf den Straßen sind als zu Beginn der Ausgansbeschränkungen spricht nicht für die Effektivität der neuen Datum-Ausweis-Regelung.

Haarsträubend ist das Phänomen des sogenannten IVA-freien Tages, dessen Auswirkung nun langsam in den Diagrammen der Fallzahlen sichtbar wird. Anfang des Jahres dekretierte der kolumbianische Präsident Iván Duque drei Tage im Jahr 2020, an denen die Mehrwertsteuer (IVA) ausgesetzt werden sollte, um die Wirtschaft anzukurbeln. Trotz heftiger Kritik wurden diese auch in Pandemiezeiten nicht abgesagt und die temporäre Reduzierung der Preise lockte am 19. Juni 2020 regelrechte Menschenmassen in die Geschäfte – in Bogotá unter der Regelung Pico y Cédula nur für Personen mit geraden Ausweisnummern. Der Präsident bezeichnete die Maßnahme als Erfolg für die Wirtschaft, beschränkte allerdings die nächsten zwei IVA-freien Tage auf Onlinekäufe.

Abbildung 3: Entwicklung der bestätigten Covid-19 Fälle in Bogotá

Alles in allem zeigen die datumsbezogenen Ausgansregelungen in Bogotá keine deutliche Effektivität auf die Entwicklung der Fallzahlen, die weiter exponentiell steigen. Diese Woche sind schon 80% der Intensivpflegeeinheiten ausgelastet, währen die Regierung weiter bemüht ist, die schwache Wirtschaft anzukurbeln. Es bleibt also nur zu hoffen, dass die Kurve bald abflacht, denn die bisherigen Regelungen werden die kolumbianische Hauptstadt nicht vor der Krise retten.

Autorin: Inge Stipsitz
Stand: 06.07.2020

*Dieser Beitrag ist im Rahmen des Kurses Krisenmanagement in der globalen Sars-Cov2 / Covid19 Krise entstanden.

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