{"id":732,"date":"2016-05-21T09:46:50","date_gmt":"2016-05-21T09:46:50","guid":{"rendered":"https:\/\/sofagoesabroad.wordpress.com\/?p=732"},"modified":"2016-10-17T07:54:34","modified_gmt":"2016-10-17T07:54:34","slug":"etappenwechsel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/en\/etappenwechsel\/","title":{"rendered":"Etappenwechsel"},"content":{"rendered":"<p>Rabat, du Wunderbare!<\/p>\n<h2>Verwunschen<\/h2>\n<p>Gestern sa\u00df ich lange zeichnend und lesend im Caf\u00e9 des Oudayas im wundersch\u00f6nsten Fleck des ganzen Landes. Ruhig ist es dort, jeder scheint dort die einzigartige Atmosph\u00e4re der gr\u00fcnen Oase zu sp\u00fcren. Jeder scheint sich dort wohlzuf\u00fchlen und jeder scheint dort wie nirgendwo sonst zur Ruhe zu kommen. Hier ist ein verwunschener Garten in der alten Kasbah der Oudayas, umgeben von 700 Jahre alten Lehmmauern, die wohl schon so einiges an Stadtgeschichte und Menschenleben miterlebt haben. Hier wachsen Palmen, Wein rankt an kleinen Torb\u00f6gen entlang und die sorgf\u00e4ltig gepflegten Beete strotzen nur so vor Vielfalt und Sch\u00f6nheit. Ob f\u00fcr die Touristen oder aus eigener Entscheidung ist der Garten auch Heimat f\u00fcr unz\u00e4hlige Katzen, die in der Sonne baden und die besten Motive f\u00fcr Zeichnungen und Fotos abgeben. Hier hat man den Blick auf den Fluss Bouregreg, auf die wei\u00df-blauen H\u00e4user des sch\u00f6nsten Viertels der Stadt und auf die kleinen Boote, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch die Hauptverkehrsroute zwischen Rabat und der Zwillingsschwester Sale darstellten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Verzaubert<\/h2>\n<p>Letzte Woche war ich im S\u00fcden in Essaouira beim Gnaoua Festival, zu dem marokkanische und berberische Musik mit Klapperschalen, eckigen Gitarren und Trommeln gespielt wird. Essaouira, die Stadt des Windes, die Perle der S\u00fcdk\u00fcste, die Oase der Alternativen des Landes. Hier sind die Gassen durchzogen von Scharen internationaler Blondsch\u00f6pfe, die in allen Sprachen der Welt plabbern und wohl mehr vom Flair der Altstadt als von der auf Dauer etwas eint\u00f6nigen Musik profitieren.<\/p>\n<p>Um in diesem Trubel nicht schon wieder vegetarische Tagine mit verkochtem Gem\u00fcse zu essen, machten wir uns lange auf die Suche nach etwas Kleinem, Sch\u00f6nen und Besonderen. Und fanden letztlich das perfekte Restaurant. Ein Monsieur Sifeddine, der 20 Jahre in der Haute Cuisine in Frankreich lernte, betreibt hier ein kleines Restaurant \u2013 Les Arcades de Mogador (Essaouira). Ein in Deutschland wohl unvorstellbares vegetarisches Men\u00fc f\u00fcr 6\u20ac, in der besten Qualit\u00e4t, dem feinsten Geschmack und einzigartig romantischer Atmosph\u00e4re, die ich in Marokko nur selten gefunden habe. Der Gute erkannte mich sogar wieder, da ich mit meinen Eltern bereits hier gewesen war und schloss uns bald ins Herz. Entgegen so vieler anderer schw\u00f6rt er, Marokkanern, Backpackern und hohen G\u00e4sten die gleiche Qualit\u00e4t zu servieren und keine Unterschiede zu machen. Dort vers\u00f6hnte ich mich wieder mit der von Tourismus entstellten Altstadt und genoss es, dem Land endlich mal wieder f\u00fcr kurz entfliehen zu k\u00f6nnen. Auch das Fr\u00fchst\u00fcck auf der Dachterrasse war tats\u00e4chlich mit Abstand das allerbeste, das ich jeh hier gefunden haben. Respekt! Perfekt verzaubert! (<a href=\"http:\/\/bit.ly\/1svWgbU\" target=\"_blank\">Les Arcades<\/a>)<\/p>\n<h2>Vertr\u00e4umt<\/h2>\n<p>Ungef\u00e4hr um 17, 20 und 22 Uhr rufen die Muezzins im ganzen Land zum Gebet und die Stadt ist erhellt von Gesang aus allen Richtungen. Die zentrale Lage meiner Wohnung in Rabat unterst\u00fctzt das Gef\u00fchl, sich mitten in einem gemeinsamen Lied zu befinden, dessen verschiedene Tonh\u00f6hen dezentral beigesteuert werden. Es ist faszinierend, wie dies \u00e4hnlich der aus der Heimat vertrauten Kirchglocken zu einer Orientierung im Tag werden kann. Um 17 Uhr gibt\u2019s Kaffee und vielleicht ein frisches Croissant mit Schokolade oder Mandelcreme gef\u00fcllt. Um 20 Uhr bekomme ich Hunger und um 22 Uhr ist es langsam an der Zeit, die letzten Seiten zu lesen, die letzte Teetasse zu leeren und sich schlafen zu legen. Selten kommt es vor, dass ich morgens um 5 zum Morgengebet aufwache \u2013 doch wenn, so ist auch dies ein wunderbares Gef\u00fchl. Morgens sind die Ges\u00e4nge ruhiger und weniger Muezzins singen l\u00e4nger und melodischer. Wenn man Gl\u00fcck hat, und danach noch mal einschlafen kann, tr\u00e4umt man sicher gut!<\/p>\n<h2>Hand aufs Herz<\/h2>\n<p>Einen neuen Freund habe ich zus\u00e4tzlich zu Ibrahim im Tante-Emma-Laden, Machfud aus der Fromagerie und Munya aus der Boulangerie auch gewonnen. Er hei\u00dft Abderrazak \u2013 ein unfassbarer Name \u2013 und ist unser Plombier. Das hei\u00dft, eigentlich ist er der Allrounder, der bei jedem Problem, das in einer fremden Wohnung auftreten kann, zur Stelle ist. Meistens steht er genau dann vor dem Haus, wenn mal wieder der Wassererhitzer kaputt geht und ersetzt werden muss, die K\u00fcche voll mit Wasser ist oder der Strom in der H\u00e4lfte der Wohnung versagt. Schnell wird dann bei laufender Elektrizit\u00e4t ein St\u00fcck Kabel von der Lampe im Flur entwendet und neu eingesetzt. Oder alle Sicherungen rausgenommen, und wieder neu zusammengepuzzelt, um zu merken, dass die Sicherungen auf dem Flur einfach nur raus war. Muschkil fi Bayt \u2013 Ich hab ein Problem zu Hause. Und schon ist er da. Dass er sich aber auch riesig freut, wenn man ihm auf der Stra\u00dfe begegnet. Dass sich seine Stimme vor lauter \u201eWie geht\u2019s? Wie steht\u2019s? Wir l\u00e4uft\u2019s? Wie ist es?\u201c fast \u00fcberschl\u00e4gt. Und dass er sich nach dem Gespr\u00e4ch ans Herz fasst und sagt, er sei nun sehr, sehr gl\u00fccklich, das ist schon ziemlich toll!<\/p>\n<p>Die Herzen der Menschen zu erobern ist nicht immer leicht. Manchmal gelingt es hier nicht, manchmal erntet man auch nach einiger Zeit noch Skepsis und Abweisung. Aber immer \u00f6fter zahlt sich der regelm\u00e4\u00dfige Besuch und das Gehen der gleichen Strecke aus. Dann wird man mit L\u00e4cheln und der Frage, nach dem Wetter begr\u00fc\u00dft. Man wird mit einer Makkaroni oder einem St\u00fcck Harcha-Brot begr\u00fc\u00dft. Manchmal bekommt man sogar einen frischen Orangensaft gepresst. Gro\u00dfer Akzeptanzbeweis!<\/p>\n<p>Dies sind einige dieser Orte und Gef\u00fchle, die mich hier in Marokko bleiben lassen. Die mich jedes Mal aufs Neue faszinieren und aufhorchen lassen. Die mich zur Ruhe kommen lassen und mir im Get\u00fcmmel der Stadt Seelenfrieden geben.<\/p>\n<p>Nun ist dann auch meine Halbzeit des Auslandsjahres erreicht \u2013 wenn auch nicht zeitlich, so doch thematisch. Leider sind somit auch die Ferien, die ich nach dem Schreiben von vier Hausarbeiten in der ersten Mai-Woche genie\u00dfen konnte, vorbei. Der Etappenwechsel, auf den ich nun schon seit zwei Jahren warte, steht bevor. Mein B\u00fcro in Hay Riad, wo ich die ersten Wochen in Marokko wohnte, ist hergerichtet und am Montag beginnt der Arbeitsalltag. Am meisten freue ich mich jedoch nun auf den Ramadan, der am 6. Juni beginnen und einen Monat lang das Land einmal \u00e0 la Sotto Sopra auf den Kopf stellen wird. Soll ich mitfasten? Halte ich es den ganzen Tag lang ohne Wasser aus? Und kann ich so \u00fcberhaupt arbeiten? Oder wie machen die anderen das?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rabat, du Wunderbare! 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