{"id":6924,"date":"2020-08-22T12:26:00","date_gmt":"2020-08-22T12:26:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/?p=6924"},"modified":"2022-03-08T10:01:04","modified_gmt":"2022-03-08T10:01:04","slug":"moria-niemand-wird-zurueckgelassen-die-zwei-klassen-des-krisenmanagements","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/en\/moria-niemand-wird-zurueckgelassen-die-zwei-klassen-des-krisenmanagements\/","title":{"rendered":"Moria: Niemand wird zur\u00fcckgelassen \u2013 Die zwei Klassen des Krisenmanagements"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Covid-19 Pandemie schr\u00e4nkt seit einem knappen halben Jahr das t\u00e4gliche \u00f6ffentliche Leben ein. F\u00fcr die Mehrzahl der Bev\u00f6lkerung ist das Virus ausreichend Grund, um sich an Beschr\u00e4nkungen wie das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes, das Abstandhalten oder die Verschiebung von Treffen nach drau\u00dfen zu gew\u00f6hnen. Ebendies ist in den letzten Monaten geschehen: Gewohnheit ist eingetreten. Ellenbogen werden zur Begr\u00fc\u00dfung gez\u00fcckt, die Maske nicht mehr h\u00e4ufiger als das Handy zu Hause vergessen, 1,5 Meter und 20 Sekunden sind gut sch\u00e4tzbare Variablen geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Was jedoch, wenn Menschen die M\u00f6glichkeit nicht h\u00e4tten Abstand zu halten oder ihre H\u00e4nde zu waschen?<\/p>\n\n\n\n<p>Denn w\u00e4hrend sich in Deutschland und anderen L\u00e4ndern, Menschen \u00fcber die Einschr\u00e4nkungen wie das Masketragen beschweren, gibt es andernorts Menschen, die froh dar\u00fcber w\u00e4ren, sich und ihre Familien mit derlei Ma\u00dfnahmen sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agenda 2030: Leave No One Behind<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>#leavenoonebehind<\/em><\/strong> ist das Hashtag der Stunde in den sozialen Medien. Niemanden zur\u00fcckzulassen, das ist festgelegt in der<a href=\"https:\/\/www.un.org\/sustainabledevelopment\/development-agenda\/\"><em>Agenda 2030 f\u00fcr nachhaltige Entwicklung<\/em><\/a><em> <\/em>der Vereinten Nationen. Dieses Hashtag ist nicht nur eine Modeerscheinung von Tweets und Instagram-Posts, es ist ein <a href=\"https:\/\/unsdg.un.org\/2030-agenda\/universal-values\/leave-no-one-behind\">offizieller Grundsatz der UN<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich bezeichnet Leave No One Behind den Grundsatz f\u00fcr Gleichberechtigung und gegen Armut auf der Welt einzutreten. In den vergangenen Monaten ist das Hashtag und der Schriftzug auf Bannern h\u00e4ufig im Zusammenhang mit Camp Moria auf Lesbos aufgetaucht. Es soll daran erinnern, dass die genannten Grunds\u00e4tze der <em>Agenda 2030<\/em> nicht eingehalten werden, dass doch Menschen zur\u00fcckgelassen werden in den griechischen Lagern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>R\u00e4umung oder Lockdown als Schutz vor der Pandemie?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als die Covid-19 Pandemie nach Europa kam, warnten von allen Seiten Wissenschaftler:innen, Journalist:innen und Menschenrechtler:innen vor der Ankunft des Virus im Camp. Ein Ausbruch im Camp w\u00e4re fatal und nicht kontrollierbar. Es entstand schnell ein Konsens, <a href=\"https:\/\/www.jetzt.de\/politik\/moria-mission-lifeline-will-gefluechtete-von-lesbos-nach-berlin-fliegen\">dass die R\u00e4umung des Lagers von N\u00f6ten w\u00e4re, um Menschenleben effektiv sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen<\/a>. Vorschl\u00e4ge, wie die Unterbringung Geflohener in Hotels, die pandemie-bedingt ihren Betrieb ohnehin nicht fortf\u00fchren k\u00f6nnten. Doch es passierte nichts dergleichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die einzig durchgesetzte Strategie, um die Menschen in Moria zu sch\u00fctzen, war die Abriegelung des Camps nach au\u00dfen. Zwar wurde die Versorgung mit Lebensmitteln aufrechterhalten, doch die medizinische Versorgung wurde gekappt. Die prek\u00e4ren Umst\u00e4nde, in denen zuhauf traumatisierte und gesundheitlich vorbelastete Menschen leben, sind unzumutbarer denn je.<\/p>\n\n\n\n<p>Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos war urspr\u00fcnglich ausgelegt f\u00fcr knapp 3000 Menschen, nun leben dort \u00fcber 19 000 Geflohene auf engstem Raum. Von ihnen sind <a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/094279-014-A\/moria-die-grenzen-des-kinderrechtsschutzes\/\">etwa 6500 unter 12 und insgesamt \u00fcber 1100 unbegleitete Kinder und Jugendliche<\/a>. Alle Kinder und Jugendliche auf der Flucht verf\u00fcgen in der Theorie \u00fcber die 1989 in <a href=\"https:\/\/www.kinderrechtskonvention.info\/\">der UN-Kinderrechtskonvention<\/a> festgelegten Kinderrechte. <a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/094279-014-A\/moria-die-grenzen-des-kinderrechtsschutzes\/\">Doch diese k\u00f6nnen in Moria nicht eingehalten werden<\/a>, da die Ressourcen f\u00fcr medizinischen \u2013 auch psychologischen \u2013 und rechtlichen Beistand, sowie Bildung nicht bestehen. Des Weiteren gibt es zu wenige Vorm\u00fcnder, die unbegleitete Kinder und Jugendliche im Asylverfahren rechtlich vertreten m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Lockdown des Camps ab M\u00e4rz mag sinnvoll erscheinen unter dem Gesichtspunkt, dass die Ausbreitung des Virus vor Ort unbedingt verhindert werden musste. Die Einschr\u00e4nkungen beliefen sich nicht nur auf eine Ausgangssperre, die rigoros von der griechischen Polizei kontrolliert wurde, sondern verbaten auch vielen NGOs, Freiwilligen und sogar \u00c4rzt:innen das Lager zu betreten. <a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/094279-037-A\/fluechtlingslager-moria-dem-virus-hilflos-ausgesetzt\/\">Die Behandlung Kranker wurde nicht fortgesetzt und die Menschen waren gefangen<\/a> in einem Lager, <a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/095311-000-A\/fluechtlingslager-auf-lesbos-die-hoelle-von-moria\/\">in dem flie\u00dfendes Wasser und Strom keine Gegebenheit waren<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00d6ffnung f\u00fcr den Tourismus \u2013 Ausgangssperre f\u00fcr Campbewohner:innen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Griechenland die Ausgangsbeschr\u00e4nkungen f\u00fcr seine Einwohner:innen wieder aufhob und die Grenzen f\u00fcr den Tourismus \u00f6ffnete, besteht <a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/094279-088-A\/fluechtlingslager-moria-quarantaene-ohne-ende\/\">der Lockdown f\u00fcr Camp Moria unver\u00e4nderlich<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u00c4rzte ohne Grenzen <\/em>fordern seit einiger Zeit die <a href=\"https:\/\/www.aerzte-ohne-grenzen.de\/unsere-arbeit\/einsatzlaender\/griechenland\">Verlegung Kranker und Angeh\u00f6riger der Risikogruppe, sowie schwerkranker Kinder aufs Festland<\/a>. Zudem gab es bereits vor der Pandemie geh\u00e4uft F\u00e4lle von Selbstverletzung, Suizidgedanken und suizidaler Handlungen, vor allem auch unter Kindern. Die zus\u00e4tzliche Erschwerung der Lebensbedingung durch den Lockdown f\u00fchre zu einer drastischen Verschlechterung der psychischen Gesundheit und \u00c4rzte ohne Grenzen bezeichneten in einem Statement an Angela Merkel die Bedingungen im Camp als <a href=\"https:\/\/www.aerzte-ohne-grenzen.de\/unsere-arbeit\/einsatzlaender\/griechenland\">\u201ezynische Abschreckungsstrategie\u201c<\/a> von Seiten der EU.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4rzte Ohne Grenzen hatten zudem im M\u00e4rz ein Corona-Zentrum auf Lesbos er\u00f6ffnet, das <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/aerzte-lesbos-corona-zentrum-101.html\">im Juli durch eine Klage der \u00f6rtlichen Beh\u00f6rden zur Schlie\u00dfung gezwungen wurde<\/a>. Das Isolationszentrum h\u00e4tte gegen Auflagen der Stadtplanungsverordnung versto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die EU versagt beim Schutz besonders Verletzlicher<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>All diese Umst\u00e4nde sind erschreckend, mehr noch unter der Betrachtung, dass sie sich auf dem Boden der Friedensnobelpreistr\u00e4gerin Europ\u00e4ische Union abspielen. Dass das Covid-19-freie Camp Moria weiterhin von der Au\u00dfenwelt isoliert bleibt, Tourist:innen die Inseln jedoch wieder bereisen d\u00fcrfen und damit eine h\u00f6here Gefahr der Virusausbreitung bereithalten, ist ausgesprochen diskriminierend und f\u00fchrt zu einer Klasseneinteilung. In die, die Geld bringen und die, die unerw\u00fcnscht sind und deren Menschenrechte ohnehin nicht mehr geachtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Europ\u00e4ische Union sollte alle Mittel zur Verf\u00fcgung stellen, ausreichend Sanit\u00e4ranlagen und mindestens eine Grundversorgung mit Wasser zu gew\u00e4hrleisten. Doch scheint mittlerweile die schrittweise R\u00e4umung des Camps die einzig angemessene M\u00f6glichkeit f\u00fcr die EU, zu beweisen, dass sie die <em>UN-Kinderrechtskonvention<\/em> und die <em>Agenda 2030 f\u00fcr nachhaltige Entwicklung<\/em> achtet.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Autorin: Lina Loth<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><em>*Dieser Beitrag ist im Rahmen des Kurses Krisenmanagement in der globalen Sars-Cov2 \/ Covid19 Krise entstanden<\/em><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Covid-19 Pandemie schr\u00e4nkt seit einem knappen halben Jahr das t\u00e4gliche \u00f6ffentliche Leben ein. F\u00fcr die Mehrzahl der Bev\u00f6lkerung ist das Virus ausreichend Grund, um sich an Beschr\u00e4nkungen wie das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes, das Abstandhalten oder die Verschiebung von Treffen nach drau\u00dfen zu gew\u00f6hnen. Ebendies ist in den letzten Monaten geschehen: Gewohnheit ist eingetreten. 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