{"id":6742,"date":"2020-06-27T11:15:12","date_gmt":"2020-06-27T11:15:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/?p=6742"},"modified":"2020-06-27T11:15:12","modified_gmt":"2020-06-27T11:15:12","slug":"ausgangssperre-und-queer-sein-einfluesse-der-corona-pandemie-auf-die-marokkanische-lgbtq-community","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/en\/ausgangssperre-und-queer-sein-einfluesse-der-corona-pandemie-auf-die-marokkanische-lgbtq-community\/","title":{"rendered":"Ausgangssperre und Queer-sein: Einfl\u00fcsse der Corona-Pandemie auf die marokkanische LGBTQ-Community"},"content":{"rendered":"\n<p>Queer sein in Marokko ist schwierig bis gef\u00e4hrlich, denn gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen sind in dem nordafrikanischen K\u00f6nigreich mit <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2016\/07\/05\/lgbti-marokko-repressive-rechtsvorschriften-engstirnige-sozialmoral?dimension1=ds_menschenrechte\">bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe belegt.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Doch nicht nur durch die Gesetzeslage sind Mitglieder der LGBTQ-Community in Marokko in der Auslebung ihrer Gender-Identifikation und ihrer sexuellen Orientierung beschr\u00e4nkt. Sie sind gesellschaftlich mit einem starren Stigma belegt, dass sich wohl als <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2016\/07\/05\/lgbti-marokko-repressive-rechtsvorschriften-engstirnige-sozialmoral?dimension1=ds_menschenrechte\">Relikt aus der Kolonialzeit<\/a> beschreiben lie\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hohe Wahrscheinlichkeit nach Outing Opfer psychischer und physischer Gewalt zu werden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So schweigen sich nicht nur die politischen Parteien in Marokko zu dem Thema aus \u2013 manche vermutlich in Angst, Ihre W\u00e4hlerschaft abzuschrecken \u2013, sondern es kommt sogar zu <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2016\/07\/05\/lgbti-marokko-repressive-rechtsvorschriften-engstirnige-sozialmoral?dimension1=ds_menschenrechte\">eigenst\u00e4ndigen Lynchbewegungen gegen LGBTQ-Menschen.<\/a> Die k\u00f6rperlichen Angriffe auf diese Menschen werden h\u00e4ufig gefilmt und in den sozialen Medien verbreitet. Mit dem Effekt, dass die Attackierten \u00fcber den psychischen und physischen Schaden hinaus im Internet \u201azwangs-geoutet\u2018 werden. In den vergangenen Jahren war bei diesen Vorg\u00e4ngen immer wieder zu beobachten, dass die Opfer bei Prozessen dennoch h\u00f6here Strafen erhielten als die Angreifer. Vorausgesetzt es kam \u00fcberhaupt zu Anzeigen und Gerichtsverhandlungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Angriffe und das Zwangs-Outing im Internet k\u00f6nnen neben \u00f6ffentlicher Erniedrigung auch zu einem langfristigen Verlust von Zukunftsperspektiven f\u00fchren. Mit einer eingetragenen Vorstrafe entfallen einige Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Au\u00dferdem w\u00e4chst die Bedrohung vor erneuten \u00dcbergriffen, wenn die Anonymit\u00e4t der Betroffen nicht mehr gewahrt ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Pandemie verst\u00e4rkt die Aufmerksamkeit gegen\u00fcber bestimmter Gruppen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit Covid-19 zur weltweiten Pandemie wurde, war unter anderem in Deutschland eine mediale Auseinandersetzung mit der besonderen Gef\u00e4hrdung bestimmter Bev\u00f6lkerungsgruppen durch Kontakt- und Ausgangsbeschr\u00e4nkungen zu beobachten. Beispielsweise wurde das Risiko h\u00e4uslicher Gewalt gegen Frauen und Kinder in Zeitung und Fernsehen wiederholt thematisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>In Marokko w\u00e4re es zus\u00e4tzlich die LGBTQ-Community, die in den Zeiten der Ausgangssperre besondere mediale Aufmerksamkeit verdient h\u00e4tte. Insbesondere junge Menschen, die diese Zeit mit ihren Familien auf engstem Raum verbrachten, waren gef\u00e4hrdet. <a href=\"https:\/\/taz.de\/Nach-Grindr-Denunziation-in-Marokko\/!5687043\/\">Diese sind ohnehin h\u00e4ufiger von \u00dcberwachung durch Familienmitglieder und h\u00e4uslicher Gewalt betroffen.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gravierende Folgen eines einzigen Aufrufs in den sozialen Medien<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Aufmerksamkeit, die im April auf die Community gelenkt wurde, war nicht von Aufkl\u00e4rung motiviert. Im Gegenteil. Die marokkanische Influencerin Sofia Taloni, die sich selbst als nichtbin\u00e4r identifiziert, rief am 13. April ihre Follower dazu auf, sich bei Dating-Apps f\u00fcr Homosexuelle anzumelden und die <a href=\"https:\/\/www.independent.co.uk\/news\/world\/africa\/gay-men-morocco-dating-apps-grindr-instagram-sofia-taloni-a9486386.html\">dort Registrierten zu denunzieren.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Es kam zu einer Welle \u00f6ffentlicher Blo\u00dfstellungen im Internet, mehrere junge Menschen wurden infolge dieser von ihren Familien des Hauses verwiesen. In einer Zeit, in der die Ausgangssperre in Marokko jeglichen Aufenthalt im \u00f6ffentlichen Raum verbot, f\u00fcr den keine Sondergenehmigung vorlag, und deren Einhaltung strikt von Polizei und Milit\u00e4r sichergestellt wurden. Im ersten Monat des Lockdowns haben marokkanische Beh\u00f6rden nach eigenen Angaben <a href=\"https:\/\/www.maghreb-post.de\/gesellschaft\/marokko-ueber-50-000-verhaftungen-wegen-verstoessen-gegen-die-ausgangssperren\/\">\u00fcber 50.000 Festnahmen aufgrund von Verst\u00f6\u00dfen gegen die strikte Ausgangssperre <\/a>get\u00e4tigt. Als queerer, junger Mensch des Hauses verwiesen zu werden, bedeutete daher in diesen Zeiten nicht nur mit der Verletzung durch mangelnde Akzeptanz der eigenen Identit\u00e4t leiden zu m\u00fcssen. Es stellt eine reale Gefahr dar, von Milit\u00e4r oder Polizei verhaftet zu werden, auch weil die <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/04\/26\/world\/middleeast\/gay-morocco-outing.html?action=click&amp;module=News&amp;pgtype=Homepage\">Auffangstrukturen f\u00fcr LGBTQ-Menschen in Marokko gro\u00dfe M\u00e4ngel aufweisen.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die F\u00e4lle, in denen Bestrafungen durch die Familie bekannt wurde, sind ein Abbild des feindlichen Klimas gegen\u00fcber der LGBTQ-Community, das in der marokkanischen Gesellschaft zu weiten Teilen vorherrscht. Sie lassen zugleich nur vermuten welche Folgen das \u00f6ffentliche Outing und Denunzieren der Betroffenen bedeutete. In wie vielen F\u00e4llen es zu versch\u00e4rften Kontrollen oder sogar h\u00e4uslicher Gewalt gegen die Denunzierten kam, l\u00e4sst sich nur vermuten. Doch Menschenrechtler_innen und marokkanische <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/2016\/07\/05\/lgbti-marokko-repressive-rechtsvorschriften-engstirnige-sozialmoral?dimension1=ds_menschenrechte\">Organisationen zum Schutze der LGBTQ-Community warnen vor steigenden Fallzahlen.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zwangs-Outing Einzelner als Anprangern der ganzen Community<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Motivation zu ihrem Aufruf beschrieb die Influencerin Sofia Taloni selbst als eine Art Racheakt vor allem gegen schwule Marokkaner, die sich <a href=\"http:\/\/themoroccantimes.com\/2020\/04\/23583\/sofia-taloni-explains-why-she-outed-the-lgbt-community-in-morocco\">ihr gegen\u00fcber feindlich im Internet ge\u00e4u\u00dfert h\u00e4tten<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie habe zudem zeigen wollen wie viel Heuchlerei in der Community herrscht, wie wenig die Mitglieder sich gegenseitig unterst\u00fctzen und wie viele von ihnen sich hinter einem \u201anormalen\u2018, gesellschaftskonformen Leben verstecken. Ob ein Aufruf zu \u00f6ffentlicher Dem\u00fctigung der zielf\u00fchrendste Weg ist um Zusammenhalt innerhalb einer zerstreuten und teils verfolgten Community aufzubauen, ist fraglich. Dass der Aufruf von einer, nach eigenen Aussagen, nichtbin\u00e4ren Influencerin ausging, ist f\u00fcr viele unverst\u00e4ndlich bis verletzend.<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr die marokkanische LGBTQ-Community bleibt ist die Hoffnung, dass die Vorkommnisse sich nicht wiederholen m\u00f6gen und die gesellschaftliche Akzeptanz ihrer Identit\u00e4ten und sexuellen Orientierungen w\u00e4chst. Daf\u00fcr bedarf es Zeit und viel Arbeit, die hoffentlich keine dauerhafte Verz\u00f6gerung durch die Pandemie erfahren muss. Da die Ausgangssperre in Marokko erst seit wenigen Tagen aufgehoben ist, ist es vermutlich noch eine Frage der Zeit, bis das Ausma\u00df der Denunzierungs-Welle ans Licht kommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Autorin: Lina Loth<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><em>*Dieser Beitrag ist im Rahmen des Kurses Krisenmanagement in der globalen Stars-Cov2 \/ Covid19 Krise entstanden.<\/em><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Queer sein in Marokko ist schwierig bis gef\u00e4hrlich, denn gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen sind in dem nordafrikanischen K\u00f6nigreich mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe belegt. Doch nicht nur durch die Gesetzeslage sind Mitglieder der LGBTQ-Community in Marokko in der Auslebung ihrer Gender-Identifikation und ihrer sexuellen Orientierung beschr\u00e4nkt. 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