{"id":4930,"date":"2017-03-05T12:31:14","date_gmt":"2017-03-05T12:31:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/?p=4930"},"modified":"2018-02-13T09:42:39","modified_gmt":"2018-02-13T09:42:39","slug":"es-muss-ein-ruck-durch-nepal-gehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/en\/es-muss-ein-ruck-durch-nepal-gehen\/","title":{"rendered":"Es muss ein Ruck durch Nepal gehen"},"content":{"rendered":"<div class=\"im_message_outer_wrap hasselect\">\n<div class=\"im_message_wrap clearfix\">\n<div class=\"im_content_message_wrap im_message_in\">\n<div class=\"im_message_body\">\n<div>\n<div class=\"im_message_text\" dir=\"auto\">\n<p>Ach Nepal. Dieses Land ist wirklich ein Traum. Vergesst alles, was ich euch \u00fcber Kathmandu geschrieben habe. Es war ein ignoranter, eingeengter, einseitiger, vom Kulturschock bedingter Blick, der niemals dem Land in seiner F\u00fclle gerecht werden kann.<\/p>\n<p>Als ich das gro\u00dfe Vergn\u00fcgen hatte, Jakob und Ernest zu treffen, die gerade unter dem Motto \u201ePedal for Humanity\u201c mit dem Fahrrad von K\u00f6ln nach Vietnam fahren, wurde mir so vieles bewusst. Einen Monat waren sie schon unterwegs durch Nepal mit dem Fahrrad parallel von Westen her am Himalaya-Gebirge entlang. Sie trafen bis Pokhara keinen Ausl\u00e4nder, a\u00dfen zwei Mal t\u00e4glich Daal Baat (Kohlenhydrate pur: Reis, Linsen, wenig Gem\u00fcse) und \u00fcberwinterten ohne eine einzige warme Dusche. Und dennoch auf meine kritische Frage, ob sie nicht von Nepal entt\u00e4uscht gewesen seien, die sofortige Antwort: Auf keinen Fall! Eine geniale Zeit war es, ein wundersch\u00f6nes Land, ein herzliches Volk, eine beeindruckende Gastfreundschaft, eine Landschaft ohne Worte.<\/p>\n<p>Dieses Land, das sich so gro\u00df f\u00fchlt und doch mit der Deutschlandkarte nicht mithalten kann, ist so vielf\u00e4ltig wie unverst\u00e4ndlich. Ein Naturparadies in dem jeder auf seine Kosten kommt, der Seen, W\u00e4lder, Wiesen, Schnee, Berge und Gipfel sch\u00e4tzt. Das macht im nepalesischen Binnenland sogar das Meer wett, f\u00fcr das Kalkutta die n\u00e4chstliegende M\u00f6glichkeit ist. Trotz mangelnder Infrastruktur, Erdbebensch\u00e4den noch zwei Jahre danach und wenig Investition ist es dennoch jede Reise wert, so entlegen sie auch sein mag. Wenn ich das Werbebuch \u00fcber die Facetten Nepals durchbl\u00e4ttere, dann wei\u00df ich, dass ich sicher wiederkommen werde. Dann werde ich in den Fernen Osten fahren und in Ilam die Teeberge durchstreifen. Werde mich hoch nach Mustang k\u00e4mpfen bis zur tibetischen Grenze. Werde im Westen Richtung Kaschmir laufen und mich auf Suche nach den verwaschenen Spuren zwischen China, Tibet und Indien begeben. Werde nach Lukla fliegen und mich zum Everest Basecamp aufmachen.<\/p>\n<p>Nepal braucht Zeit. Es ist alles hier, alles vorhanden. Nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich und steht nur f\u00fcr Neugierige, f\u00fcr Geduldige offen. Viel gibt es zu sehen, das nicht im Reisef\u00fchrer steht. Viel bedarf des Hinterfragens, des Unverst\u00e4ndnisses, des Zuschauens. Selbst habe ich mich blenden lassen von meiner westlichen, postkolonialen, globalisierten Sicht, die so vieles ausblendet und nur die eigenen Konzepte erlaubt. Doch Nepal l\u00e4sst sich mit dieser Brille nicht blicken. Nepal will erfahren werden, will herausfordern, will vor den Kopf sto\u00dfen und w\u00fctend machen. Es ist kein Land von Warmduschern, sondern von z\u00e4hen Bergbewohnern, die in der Gro\u00dfstadt \u00e4hnlich vor den Kopf gesto\u00dfen werden wie ich. Die Landflucht ist enorm, das Kathmandu Tal der einzige Anziehungspunkt, an dem es Geld, Jobs und Zukunft gibt. Nepal ist weit, so weit, und so wenig verkn\u00fcpft, dass viele D\u00f6rfer immer noch tagelange Wege von der 3-Millionen-Metropole entfernt sind.<\/p>\n<p>Doch die Metropole lasse ich in 5 Kilometern Fu\u00dfweg hinter mir, laufe gen Norden Richtung Shivapuri Nationalpark. Schnell tragen mich meine F\u00fc\u00dfe nicht mehr \u00fcber Asphalt, zwischen Taxis, Autos, Motorradhorden und Smog hindurch. Schnell bin ich von leuchtend gr\u00fcnen Weizenfeldern umgeben, die sich terrassenf\u00f6rmig ausbreiten. Hier, in Sichtweite vom Stadtzentrum von Kathmandu, liegen Stroh und Jutebeutel zum Trocknen auf Wellblechd\u00e4chern, die einst\u00f6ckige, mit Lehm verputzte Wohnh\u00e4user gegen die kalten N\u00e4chte sch\u00fctzen. Bambuskonstruktionen zeigen die geplanten Gew\u00e4chsh\u00e4user, \u00fcberall wird gebaut. Die Dorfbewohner gr\u00fc\u00dfen, l\u00e4cheln, freuen sich \u00fcber das simple \u201eNamaste\u201c. Eine Frau reicht mir instinktiv ihr St\u00fcck Granatapfel, von dem sie gerade isst. Jeder hilft und jeder t\u00e4te, was er k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich in Schwierigkeiten geraten. Wo bin ich 5 Kilometer au\u00dferhalb von Berlin oder Frankfurt? Auf dem Feld?<\/p>\n<p>Es ist absurd und spannend zugleich. Die Kontraste sind gro\u00df, nicht vereinbar. Wie geht es wohl dem Dorfbewohner, der von weit her kommt und zum ersten Mal die gro\u00dfe Stadt erblickt. Auch er w\u00e4re \u00e4hnlich kulturgeschockt wie ich, w\u00fcrde sich am liebsten die Ohren zuhalten bei jedem Hupen. So viel habe ich verstanden bei dieser kleinen Wanderung. Nicht nur ich bin untauglich f\u00fcr die Gro\u00dfstadt, die sich mir hier bietet. Alle sind sie es und doch machen wir alle das Beste daraus. Die Stadt birgt Chancen und Arbeit und Zukunft und Wohlstand und das Einl\u00f6sen aller Versprechen. Sie ist attraktiv, gibt alles, wovon ein Mensch tr\u00e4umen kann, sobald er anf\u00e4ngt gro\u00df zu tr\u00e4umen. Doch zu schnell kommen zu viele Tr\u00e4umende, zu schnell wird alles zu viel, zu attraktiv zu sein birgt Gefahren. Die Stadt kann es nicht h\u00e4ndeln, in so wenigen Jahren zu explodieren. Sie kann keinen drei Millionen Menschen sauberes Wasser bieten, ohne ein geregeltes Stra\u00dfensystem, eine Infrastruktur, ein System dahinter zu besitzen. Zu schnell hat sich in Nepal zu viel ge\u00e4ndert. Das K\u00f6nigreich ist kaum 10 Jahre her, die Demokratie frisch, von Maoisten regierte, die ihre eigene Macht missbrauchen und nicht im Sinne des Allgemeinwohls einsetzen.<\/p>\n<p>Nepal braucht Kreativit\u00e4t, braucht Ideen, braucht Vision\u00e4re. Braucht Initiativen und kluge K\u00f6pfe, die Kraft und Energie haben, an das Gute zu glauben. Durch R\u00fccksendungen und eine emigrierende Jugend flieht auch die Kraft der Erneuerung. Die Politik muss zur\u00fcck zur Sache finden, muss \u00fcber Inhalte sprechen, muss zeigen, dass sie eine Demokratie ist. Eine Stimme des Volkes, dem es nicht gut geht. Das von schwersten Erdbeben heimgesucht wird, ohne daraufhin Entsch\u00e4digung zu erhalten. Es braucht Stadtplaner, die nachhaltig neudenken k\u00f6nnen. Es braucht Stra\u00dfenbauer, die kontinuierlich konstruieren. Und es braucht Jugend, die hinterfragt, kritisiert, \u00fcberdenkt. Die Jahre werden zeigen, wohin sich Nepal bewegen wird. Ob es den Sprung schafft und die Stolpersteine \u00fcberwindet, die der jungen Demokratie auf so viele Arten in den Weg gelegt werden. Klar ist: Es muss ein Ruck durch Nepal gehen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ach Nepal. Dieses Land ist wirklich ein Traum. Vergesst alles, was ich euch \u00fcber Kathmandu geschrieben habe. 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