{"id":4834,"date":"2017-01-01T16:52:02","date_gmt":"2017-01-01T16:52:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/?p=4834"},"modified":"2017-01-17T10:14:39","modified_gmt":"2017-01-17T10:14:39","slug":"winteroasen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/en\/winteroasen\/","title":{"rendered":"Winteroasen"},"content":{"rendered":"<p>Nunja, zugegebenerma\u00dfen war es schon selten clever, sich f\u00fcr die h\u00e4rteste Winterzeit in ein Entwicklungsland am anderen Ende der Welt zu begeben. Wohl wahr. Es gibt keine Heizungen und frieren wird eher als gemeinsame Herausforderung angesehen, der wir uns als (Gast)Familie stellen m\u00fcssen.<!--more--> So sitzen wir mit Winterjacke, M\u00fctze und Schal im Wohnzimmer vor dem Fernseher, in dem halbvertrautes Hindigepl\u00e4rre l\u00e4uft und frieren im Kollektiv. &#8220;It&#8217;s so cold, isn&#8217;t it?&#8221; &#8211; entnervtes Bejahen meinerseits und &#8220;Yes, yes, we are all veeeery cold&#8221; als Antwort, von dem mir aber auch nicht w\u00e4rmer wird. Volkssport Frieren im Winter und das in einer Familie, die sich einen kleinen Heizer nicht zuletzt durch meine Miete sicherlich leisten k\u00f6nnte. So komme ich mir doch ein wenig dumm vor, zumal ich eine von drei Einnahmequellen bin, da das Untergeschoss an Studenten und eine andere Wohnung an eine Familie vermietet sind. Nunja, vielleicht st\u00e4rkt die K\u00e4lte hier auf einfach den Familienzusammenhalt und nur ich f\u00fchle mich dadurch noch nicht so super zusammengehalten aber das kann ja noch kommen. Fakt ist: Morgen geht&#8217;s unter 0, wir haben keine Heizung, offene Fenster, Luftsch\u00e4chte in den W\u00e4nden und ich miese Stimmung. Doch wie es denen geht, die in Wellblechh\u00fctten keine zweihundert Meter weiter immer noch auf ihre Erdbebenentsch\u00e4digung warten, das will ich mir gar nicht vorstellen. In ihrer Haut w\u00fcrde ich gerade n\u00e4mlich nun wirklich nicht stecken.<\/p>\n<p>Trotz allem habe ich mich mittlerweile wenigstens kulturell akklimatisiert und eingelebt. Mich haut der Verkehr an immer weniger Tagen von den Socken, weil ich weniger das Chaos hinterfrage, sondern es einfach hinnehme. Ich entdecke immer wieder Oasen, in denen sich ein Nachmittag ideal verbringen l\u00e4sst. Das mag bei einer lieben Kollegin sein, die ein wunderbares Little Germany vollbracht hat, ein Weihnachtsmorgen im T-Shirt im Garten vom Caf\u00e9 Soma oder im vegetarischen israelischen Restaurant OR2K, von dem man einen zum Tr\u00e4umen einladenden Blick auf den See von Pokhara hat. Solche Orte tun gut und lassen die Seele doch f\u00fcr einen Moment zur Ruhe kommen.<\/p>\n<p>Letzten Sonntag habe ich in einer weiteren Oase fasziniert zugeschaut, als beim gro\u00dfen Bouddhanath, dem wiederaufgebauten buddhistischen Tempel viele M\u00f6nche zum Gebet zusammenkamen. Sie ehrten den Tempel, der im gleichen Jahr des Hahnes gebaut wurde wie wir es dieses Jahr wieder haben. Von einer Terrasse auf H\u00f6he des Tempels hatten wir einen perfekten Blick auf die vielen M\u00f6nche, die in verschiedenen Rott\u00f6nen um den Tempel herum Platz nahmen. Nach gespanntem Warten beteten sie gemeinsam, w\u00e4hrend einer von ihnen bestimmt zwei Stunden lang tibetische Gebete sang. Faszinierend, wie lange sein Atem reichte, mit dem er kontinuierlich in eher monotoner Stimmlage seine Ges\u00e4nge vortrug. Wenn er sich mal r\u00e4uspern musste, merkte man jedoch, dass die Betenden ihn eher murmelnd begleiteten und anders als unser Kirchgesang weniger laut mitsangen. Spannend war, dass selbst sehr junge M\u00f6nche darunter waren, die kaum sechs Jahre alt waren und den Gebeten offenkundig nicht so viel Spirituelles entnahmen. Dennoch waren sie Teil der Zeremonie und auch sie erhielten allen Anscheins nach einen Anteil der Spenden, die auf alle M\u00f6nche aufgeteilt wurden. Da sie, soweit ich bislang verstanden habe, bei Eintritt in die &#8220;Bruderschaft&#8221; all ihren Besitz an die Gemeinschaft \u00fcbergeben, scheint bereits eine geringe Spende f\u00fcr den pers\u00f6nlichen Gebrauch willkommen.<\/p>\n<p>Silvester in Nepal zu feiern war auch nicht gerade leicht, da zwar jedes Restaurant, das etwas auf sich h\u00e4lt, eine New Year&#8217;s Party anbietet, doch diese meist absurd \u00fcberteuert sind und dennoch nicht viel anderes als an normalen Tagen anbieten. Somit schmiedeten wir den Plan, nach Pokhara zu fahren. 200 km klingt erst einmal gar nicht so schlecht, die 5:40, die Google Maps f\u00fcr die Stra\u00dfe anzeigt jedoch umso mehr. Da die Stra\u00dfen durchweg nur zweispurig sind, selten eine Leitplanke besitzen, aber fast konstant direkt an der Kante zum Abgrund verlaufen, ist die Stra\u00dfe sogar f\u00fcr flinke Motorr\u00e4der eine ziemliche Tortur. Mit dem Public Bus dauerte das ganze von Bushaltestelle in Kathmandu bis nach Pokhara tats\u00e4chlich knappe 8 Stunden und der erste Tag war so gut wie dahin, aber immerhin kamen wir heil an, hatten auf dem Weg feinen Kaffee und waren mit vielen Pl\u00e4tzchen und Obst gewappnet. Ich hatte viel zu sehen, genoss den Blick \u00fcber die engen T\u00e4ler mit Treppenanbau, den kleinen Einblick in das halbl\u00e4ndliche Leben und wunderte mich \u00fcber Architektur, deren letzter Schrei eine Mischung aus griechischen S\u00e4ulen, franz\u00f6sischen Balkonen, nepalesischen Flachd\u00e4chern und Prinzessinenschloss ist. Nicht zu vergessen, dass es in einer Mischung von Knallpink, Quietschgr\u00fcn und Himmelblau gestrichen sein muss. Fabelhaft. Krass jedoch war vor allem der Kontrast dessen zum Nachbarhaus, das aus alten H\u00f6lzern, knapp zwei Stockwerken und Lehm gebaut ist. Das hat die Erdbeben offensichtlich am besten \u00fcberstanden.<\/p>\n<p>In Pokhara gab es einen See, aber auch ein Neujahrsfest, das nicht unseren Jahreswechsel, sondern den der Newaris, der traditionellen Nepalis markierte. Diese feierten auf einem Street Festival, von dem f\u00fcr mich vor allem die f\u00fcr Autos geschlossene Stra\u00dfe erfreulich war. Alles andere &#8211; angeheiterte halbstarke Nepalis, die Arm in Arm durch die Stra\u00dfen ziehen, leuchtende H\u00f6rnchen auf den K\u00f6pfen tragen und Passanten angr\u00f6len &#8211; h\u00e4tte ich mir von dieser Celebration gerne schenken k\u00f6nnen. So war ich froh, den Gro\u00dfteil des Samstags abseits zu verbringen und erst abends von diesem Get\u00fcmmel erfasst zu werden. Vor Sonnenaufgang fuhren wir mit dem Taxi hoch in das einige Hundert H\u00f6henmeter erhoben liegende Sarangkot auf den h\u00f6chsten Aussichtspunkt, den wir finden konnten. Dort waren bereits zahlreiche Sonnenanbeter versammelt und genossen den Anblick, der sich uns bot. Es war unglaublich! Das Annapurna-Massiv, das wohl den zweitbekanntesten Teil des Himalaya ausmacht, war zum Greifen nah und am liebsten w\u00e4ren wir aufgebrochen, um uns dorthin auf den Weg zu machen. Langsam nach und nach zeichneten sich die Gipfel immer klarer ab, die immerhin sechstausend Meter \u00fcberschreiten. Atemberaubend war die r\u00f6tliche F\u00e4rbung des Morgenlichts, der aufgehende Sonnenball und die faszinierend klare Sicht. Eine einmalige Chance, die mich f\u00fcr die sichtlosen Wochen davor im staubigen Kathmandu wieder in Minuten entsch\u00e4digte. So blieben wir lange, genossen die Sicht \u00fcber das Tal beim tibetisch-nepalesischen Fr\u00fchst\u00fcck und machten uns erst auf den Weg, nach dem wir noch einmal zum h\u00f6chsten Punkt zur\u00fcck gegangen und die Berge noch einmal einzufangen versucht hatten.<\/p>\n<p>Von Sarangkot f\u00fchrt ein kleiner Weg durch das wirklich l\u00e4ndliche Leben hinab ins Tal \u00fcber Felder, durch D\u00f6rfer, einen waschechten Urwald und mitten durch das allt\u00e4gliche Schaffen. Faszinierend, wir auch hier alles parallel ist: traditionelles Handwerk mit Ochsenpflug neben Neubauten zuvor beschriebener Art. Caf\u00e9s und Unterk\u00fcnfte f\u00fcr die Touristen mit Tee aus Lemon Grass, das im eigenen Garten angebaut wird. Ein kleiner Fu\u00dfpfad, der ein neues Stra\u00dfenprojekt kreuzt, das eine weitere Teerw\u00fcste schafft. Oft findet man so vieles nebeneinander, das in unm\u00f6glicher Gegens\u00e4tzlichkeit das Gesamtbild Nepal ergibt.<\/p>\n<p><strong>Aktuelles aus Nepal:<\/strong> W\u00e4hrend ihrer Menstruation wurde ein 15 Jahre altes M\u00e4dchen namens\u00a0Roshani Tiruwa aus dem Haus geschickt wie es in vielen Teilen des Landes Tradition ist. In einer H\u00fctte musste sie ihre &#8220;Unreinheit&#8221; absitzen, entfachte dabei ein Feuer um sich zu w\u00e4rmen und erstickte. Nicht selten sind diese F\u00e4lle, die dennoch viel zu selten an die \u00d6ffentlichkeit gelangen, geschweige denn zu einem \u00dcberdenken der alten Tradition f\u00fchren.<\/p>\n<p>Hier geht&#8217;s zum Artikel von der<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article160491214\/Wegen-Menstruation-weggeschickt-Maedchen-stirbt.html\"> WELT <\/a>oder von der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/nepal-weil-sie-eine-frau-ist-1.3304437\">Sueddeutschen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nunja, zugegebenerma\u00dfen war es schon selten clever, sich f\u00fcr die h\u00e4rteste Winterzeit in ein Entwicklungsland am anderen Ende der Welt zu begeben. Wohl wahr. 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