{"id":4306,"date":"2016-11-14T04:17:20","date_gmt":"2016-11-14T04:17:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/?p=4306"},"modified":"2016-11-15T13:59:01","modified_gmt":"2016-11-15T13:59:01","slug":"living-in-buenos-aires","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/en\/living-in-buenos-aires\/","title":{"rendered":"Living in&#8230; Buenos Aires"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Eintrag kommt, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, ein Vierteljahr zu sp\u00e4t. So lange befinde ich mich schon nicht mehr in meiner zweiten Heimat Argentinien \u2013 und ich w\u00fcrde l\u00fcgen, wenn ich sagen w\u00fcrde, dass es mir nicht sehr fehlt. Wie Malin es in ihrem <a href=\"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/retrospektive\/\">Blogpost<\/a> so eloquent formuliert hat, blickt man auf die vergangenen Auslandsaufenthalte immer mit einer rosaroten Brille zur\u00fcck \u2013 auch wenn man rational wei\u00df, dass nicht alles so perfekt war, wie es in der Retrospektive erscheint.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Argentinien ist der Au\u00dfenseiter S\u00fcdamerikas. Das gesamte Land wurde durch die unglaublichen Massen an europ\u00e4ischen Immigranten gepr\u00e4gt, die in den zwei gro\u00dfen Einwanderungswellen (1890-1910 und nach dem 2. Weltkrieg) in das Land str\u00f6mten und besonders in wirtschaftlicher Hinsicht zu einer Vorreiterstellung in S\u00fcdamerika beitrugen \u2013 Anfang des 20. Jahrhunderts war Argentinien immerhin das sechstreichste Land der Welt. In Buenos Aires, welches als Hafenstadt nat\u00fcrlich das Gros der Neuank\u00f6mmlinge empfing,\u00a0 stellten z.B. Italiener stellenweise 60% der Bev\u00f6lkerung! Die Zuwanderer beeinflussten nat\u00fcrlich Demografie, Sprache, Kultur, Architektur,\u00a0 Essen, etc. enorm. Es passiert nicht selten, dass man durch die Stra\u00dfen Buenos Aires\u2018 lustwandelt und denkt, man sein in Paris oder Mailand. Und nicht umsonst sind Pizza und Eis sozusagen die argentinischen Nationalspeisen!<br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/>Nach meiner anf\u00e4nglichen Euphorie,\u00a0 wieder in meiner <a href=\"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/heimvorteil\/\">zweiten Heimat<\/a> zu sein, 24 Stunden am Tag Spanisch sprechen und <em>empanadas, medialunas, churros, facturas<\/em>, etc. genie\u00dfen zu k\u00f6nnen, erhielt meine Laune aber einen D\u00e4mpfer. Ich hatte mich nahtlos eingelebt, in der Uni lief alles super, ich engagierte mich wieder bei AIESEC und die Stadt gefiel mir gut. Ich brauchte etwas, bis ich zur Wurzel des Problems durchgedrungen war, aber im Endeffekt merkte ich: Ich war unzufrieden, weil meine Erfahrung nicht wirklich der vielgehypeten <a href=\"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/donnerstagabend-koreanstyle\/\">Traumversion<\/a> des Auslandssemesters entsprach \u2013 neues Land, neue Sprache, alles ist faszinierend, anstrengend, aber auch aufregend, jeden Tag macht man neue Erfahrungen und lernt alles \u00fcber Land und Leute! F\u00fcr mich war es eher so, als ob ich von Regensburg nach\u2026 M\u00fcnster gezogen w\u00e4re. Neue Stadt mit neuen Leuten, aber kein revolution\u00e4rer Umbruch. Meine Kommilitonen waren in Indonesien, Brasilien, S\u00fcdkorea und Ghana \u2013 und ich \u201ewieder zuhause\u201c (ich wei\u00df \u2013 ein echtes Luxusproblem).<\/p>\n<div><br clear=\"none\" \/>Nachdem ich das Problem analysiert hatte, war mir, als ob ich auf einmal einen schleichenden und fast unbemerkten, aber doch niederschlagenden Druck losgeworden w\u00e4re. Und ich wusste jedes Mal, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte, als ich in meinen Politik- und Anthropologiekursen engagiert mit meinen argentinischen Kommilitonen \u00fcber die politischen Hochs und Tiefs der letzten Jahrzehnte, die stark strapazierte Beziehung der Hauptstadt Buenos Aires mit dem <em>interior<\/em> (den restlichen Provinzen Argentiniens), Minderheitenrechte, Diskriminierung und Rassismus und den politischen Totalschaden der zwei Kirchner-Pr\u00e4sidenten diskutieren konnte (Wissen, das man sich in einem Semester nie h\u00e4tte aneignen k\u00f6nnen). Ich wusste es, als ich bei AIESEC f\u00fcr zwei NGOs au\u00dferhalb der Stadt verantwortlich war und regelm\u00e4\u00dfig \u201emeine\u201c Freiwilligen dort besuchte und mit eigenen Augen sehen konnte, was f\u00fcr einen enormen Effekt jeder Einzelne doch haben kann, wenn man sich engagiert \u2013 diese Verantwortung h\u00e4tte ich kaum bekommen, wenn ich nicht bereits vor meinem Auslandssemester Spanisch gesprochen und mich in Argentinien ausgekannt h\u00e4tte. Ich wusste es, wenn ich alte Freunde und Familienmitglieder (aus meinen Gastfamilien w\u00e4hrend meines Austauschs) wiedertraf, die ich seit vier Jahren nicht mehr gesehen hatte, zuf\u00e4llig oder geplant, in Buenos Aires oder Posadas. Ich wusste es, als ich merkte, wie viel entspannter ich das Auslandssemester im Vergleich zu den anderen ausl\u00e4ndischen Studierenden an meiner Uni angehen konnte &#8211; ohne den Druck, in einem Semester die Sprache lernen, das gesamte (gigantische) Land sehen, die argentinische Partykultur voll ausnutzen und aus dem ganzen eine lebensver\u00e4ndernde Erfahrung machen zu m\u00fcssen. <br clear=\"none\" \/><br clear=\"none\" \/><\/div>\n<p><strong>Was ist Argentinien heute f\u00fcr ein Land?<\/strong> Ich wei\u00df nicht, wo ich anfangen soll. In der Hauptstadt Buenos Aires schw\u00e4rmen die Bewohner gern von glorreichen alten Zeiten &#8211; und wenn man eine knappe Stunde aus dem Zentrum f\u00e4hrt, befindet man sich in Orten ohne feste Stra\u00dfen, mit H\u00e4usern ohne T\u00fcren und Heizungen und Jugendlichen ohne Perspektiven. Laut aktuellen Zahlen sind knapp 25-29% der urbanen Bev\u00f6lkerung Argentiniens arm. Gleichzeitig wurden seit der Jahrtausendwende zahlreiche Sozialma\u00dfnahmen eingef\u00fchrt, welche quasi endlos kombinierbar sind, sodass am Ende ein mancher Sozialhilfeempf\u00e4nger mehr &#8220;verdient&#8221; als eine im \u00f6ffentlichen Dienst arbeitende Anw\u00e4ltin. Durch die stetige <a href=\"http:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/NY.GDP.DEFL.KD.ZG?lACocations=AR\" target=\"_blank\" shape=\"rect\">Inflation<\/a> (nach einem Hoch von 40% 2014 mittlerweile wieder bei moderaten 25%) steigen die Preise um ein Vielfaches schneller, als die L\u00f6hne nachkommen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend meines Aufenthalts von Februar bis August kostete im Supermarkt fast alles genau so viel wie (oder sogar mehr als) in Deutschland &#8211; bei einem Durchschnittseinkommen von sehr knapp \u00fcber 1000\u20ac\/Monat (zur Erinnerung: In Deutschland liegen wir bei knapp 3600\u20ac). Die wenig nachhaltige L\u00f6sung der meisten ist es, fast alles auf Pump zu kaufen und dann in <em>cuotas<\/em> (monatlichen Raten mit oft geringem bis nonexistentem Zinssatz) abzubezahlen. Das kann man quasi \u00fcberall &#8211; in Boutiquen, im Supermarkt, bei der Buchung von Reisen, etc. &#8220;Das kostet ja dann fast gar nichts pro Monat&#8221;, meinte meine Gastmutter zu mir &#8211; I beg to differ.<\/p>\n<p>Eine der Folgen des st\u00e4ndigen Auf (eher weniger) und Ab (eher mehr) in der argentinischen Politik in den letzten Jahrzehnten ist verst\u00e4ndlicherweise, dass die Leute den Politikern und dem Establishment absolut null Vertrauen entgegenbringen. Wie k\u00f6nnten sie auch? Allein im ersten Halbjahr 2016 sind ein knappes halbes Dutzend Korruptions- und Vertuschungsskandale der Regierung K (f\u00fcr N\u00e9stor und Cristina Kirchner, die ehemaligen Pr\u00e4sidenten) publik geworden, in denen es nicht selten um ein- bis dreistellige Millionenbetr\u00e4ge ging, die pl\u00f6tzlich verschwanden und beispielsweise im Safe der Tochter des Pr\u00e4sidentenpaars, Florencia Kirchner, wiedergefunden wurden (4,6 Mio. US$ &#8211; keine schlechte R\u00fccklage f\u00fcr eine Frau, die in ihrem Leben keinen einzigen Tag gearbeitet hat). <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/es\/2016\/06\/29\/nueve-millones-de-dolares-y-un-monasterio-el-ultimo-escandalo-de-corrupcion-en-argentina\/\" target=\"_blank\" shape=\"rect\">Anderes Beispiel<\/a>: Am Morgen des 14. Juni 2016 bemerkte ein Bewohner der Stadt General Rodr\u00edguez in der N\u00e4he von Buenos Aires verd\u00e4chtige Aktivit\u00e4ten. Ein Mann warf Koffer und Taschen \u00fcber die Mauer des benachbarten Klosters und betrat dann selbst das Gel\u00e4nde. Der besorgte B\u00fcrger rief die Polizei, welche den mysteri\u00f6sen Mann dann festnahm, als er das Kloster wieder verlie\u00df. Schnell stellte sich heraus: Der Eindringling war kein gew\u00f6hnlicher Kleinkrimineller, sondern Jos\u00e9 L\u00f3pez, ein ehemaliger Minister der Regierung K. In den Taschen befanden sich nicht Lebensmittelspenden (wie die Klosterbewohner behauptet hatten) oder Geldspenden (wie L\u00f3pez behauptet hatte), sondern Schwarzgeld im Wert von \u00fcber 9 Mio. US$, welches L\u00f3pez durch das Kloster waschen wollte. Aber halt! Das Kloster? Die unschuldigen Nonnen? Die waren durchaus nicht unschuldig &#8211; w\u00e4hrend der Untersuchung verstrickten sie sich in einem L\u00fcgennetz und es stellte sich heraus, dass sogar die 94-j\u00e4hrige Leiterin des Klosters (dessen Bewohnerinnen \u00fcbrigens nicht mal <em>echte<\/em> Nonnen waren) mit beteiligt war. Wenn man einen solchen Fall in einem Hollywood-Film s\u00e4he, w\u00fcrde man sich denken &#8220;Ach komm, das ist doch an den Haaren herbeigezogen!&#8221;. In Argentinien ist dieser Fall nur einer von vielen.<\/p>\n<p>Auch ein Fall, wo man als (verw\u00f6hnter?) Deutscher einfach nur den Kopf sch\u00fctteln kann: In meinem kleinen, aber lebhaften Politikkurs ging es einmal wie so oft um die das ganze System penetrierende Korruption und die st\u00e4ndig brodelnden Konflikte zwischen Anh\u00e4ngern der vormaligen linken Regierung K und der neuen Regierung unter dem vergleichsweise konservativen und auf die Wirtschaft fokussierten <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/amerika\/liberaler-mauricio-macri-gewinnt-wahl-in-argentinien-13927144.html\" target=\"_blank\" shape=\"rect\">Mauricio Macri<\/a>. Macri, welcher im Dezember 2015 das h\u00f6chste Amt Argentiniens antrat, konnte nat\u00fcrlich schlecht in einem Schwung alle Mitarbeiter der Regierung auswechseln, sodass beispielsweise in vielen Ministerien immer noch fast radikale K-Anh\u00e4nger arbeiten. Meine Politikprofessorin, welche selbst im Arbeitsministerium arbeitet, erz\u00e4hlte in einem Nebensatz, dass sie auch unter Kollegen aufpassen m\u00fcsse, was sie sage &#8211; es h\u00e4tte schon Vorf\u00e4lle gegeben, bei denen\u00a0kontr\u00e4re \u00c4u\u00dferungen von Kollegen aufgezeichnet und den Vorgesetzten vorgelegt wurden. Unglaublich.<\/p>\n<p>Trotz st\u00e4ndiger (Ent)T\u00e4uschung durch die Politik sind die Argentinier bei weitem nicht apathisch, was das Thema angeht. Der Gr\u00fcnder einer NGO namens <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/identidadvecinal1\/\" target=\"_blank\" shape=\"rect\"><em>Identidad Vecinal<\/em><\/a>, mit der ich in Buenos Aires zusammenarbeitete, fasste es mal treffend zusammen: &#8220;Wir Argentinier sind unparteiisch, aber bei weitem nicht apolitisch.&#8221; Soll hei\u00dfen, dass die Argentinier zwar null Vertrauen in ihre Regierung haben, sich jedoch trotzdem f\u00fcr die Zukunft ihres Landes engagieren und viele andere Formen finden, um sich zu involvieren und einzubringen. Dabei ist man sich auch bewusst, dass man auf dem niedrigsten administrativen Level anfangen muss, um wirklich nachhaltige Ver\u00e4nderungen schaffen zu k\u00f6nnen. Ein Beispiel: In der Kleinstadt, in der oben genannte NGO beheimatet ist, finden ein- bis zweimal im Monat (privat organisierte!) Kommunalversammlungen statt, bei denen alle Interessierten \u00fcber zuk\u00fcnftige Projekte und Ideen diskutieren konnten. Man trifft sich auf einem unbewohnten Grundst\u00fcck, trinkt gemeinschaftlich Mate und diskutiert auf Augenh\u00f6he miteinander. Die Stadt befindet sich 30 Kilometer au\u00dferhalb Buenos Aires &#8211; gerade peripher genug, um von der Zentralregierung \u00fcbersehen und vernachl\u00e4ssigt zu werden, weswegen die B\u00fcrger solche Projekte selbst in die Hand nehmen. Auch die Generation der Millennials ist sehr engagiert, da sie verstanden hat, dass es nichts bringt, sich passiv \u00fcber die Politik zu beschweren &#8211; wenn man das System umkrempeln will, muss man es selber in die Hand nehmen. Eine Lektion, die wir Deutschen uns in Zeiten steigenden AfD-Zuspruchs und knapp zehn Monate vor der Bundestagswahl zu Herzen nehmen sollten. Ein Beispiel, was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist <a href=\"https:\/\/twitter.com\/fabianpereyra91\" target=\"_blank\" shape=\"rect\">Fabian Pereyra<\/a>, der Generaldirektor f\u00fcr Jugendpolitik der Stadt Buenos Aires &#8211; der 24 Jahre alt ist. Bei einem AIESEC-Gipfel in BA erz\u00e4hlte er uns, wie er und eine Gruppe von Freunden mit 18 beschlossen, dass es nicht mehr reichte, sich auf Facebook \u00fcber die Unnahbarkeit und Korruption in der Regierung zu beschweren, und das Zepter selbst in die Hand nahmen. Und dank Motivation und Qualifizierung schnell aufstiegen und nun aktiv Politik mitbestimmen k\u00f6nnen &#8211; beispielhaft!<\/p>\n<div>An dieser Stelle k\u00f6nnte ich noch unglaublich viele f\u00fcr Argentinien relevante Themen beleuchten &#8211; der Interessenkonflikt zwischen der Zentralregierung in der Hauptstadt und den sich vernachl\u00e4ssigt f\u00fchlenden anderen Provinzen (besonders interessant mit Hinblick auf den letzten <a href=\"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/trump-waehler-verstehen\/\">US-Wahlkampf<\/a>, wo auch die Abgr\u00fcnde zwischen der &#8220;Elite&#8221; der Gro\u00dfst\u00e4dte und K\u00fcsten und den sich allein gelassen f\u00fchlenden &#8220;Hillbillies&#8221; im Inland deutlich wurden) beispielsweise, oder das argentinische Ph\u00e4nomen der <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Piquetero\">piqueteros<\/a>, <\/em>welche in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden trommelnd und pfeifend die breiteste Stra\u00dfe der Welt (die Avenida 9 de Julio) blockieren oder in Ministerien einmarschieren. In Endeffekt protestieren die Argentinier gerne und viel &#8211; es gibt allerdings auch eine Menge Angelegenheiten, f\u00fcr oder gegen die es zu protestieren gilt. Und wie bereits erw\u00e4hnt, sind die Argentinier nichts, wenn nicht bereit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. In diesem Sinne: <em>Adi\u00f3s y hasta la pr\u00f3xima!<\/em><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Eintrag kommt, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, ein Vierteljahr zu sp\u00e4t. So lange befinde ich mich schon nicht mehr in meiner zweiten Heimat Argentinien \u2013 und ich w\u00fcrde l\u00fcgen, wenn ich sagen w\u00fcrde, dass es mir nicht sehr fehlt. 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