{"id":4264,"date":"2016-11-13T16:46:45","date_gmt":"2016-11-13T16:46:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/?p=4264"},"modified":"2016-11-18T17:20:38","modified_gmt":"2016-11-18T17:20:38","slug":"unterwegstunesien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/en\/unterwegstunesien\/","title":{"rendered":"Unterwegs durch Tunesien"},"content":{"rendered":"<p>Hast du in deinem Kopf auch das Bild eines krisenger\u00fcttelten Landes, das Anschlagsgef\u00e4hrdet und nicht f\u00fcr Touristen geeignet ist? Genau aus diesem Gedanken heraus habe ich es beim ersten Anlauf nicht nach Tunesien geschafft, bin jetzt jedoch umso froher, dass ich dieses Bild auf meiner aktuellen Reise durch Tunesien \u00fcberdenken konnte.<!--more--><\/p>\n<p>Tunesien hat n\u00e4mlich so viel mehr zu bieten als nur die Erfahrung, in einem Hoffnungstr\u00e4gerland des Arabischen Fr\u00fchlings zu reisen. Jede Stadt lebt f\u00fcr sich selbst, hat Neues zu bieten und verzaubert durch ihren ganz eigenen Charme.<\/p>\n<p>Derzeit befinde ich mich auf Reise durch die Sahel-Zone Tunesiens, also die K\u00fcstenlinie. Sahel bedeutet n\u00e4mlich nichts anderes als K\u00fcste, sodass auch die bekanntere Sahel-Zone einfach K\u00fcste der Sahara bedeutet. Von Tunis aus gen S\u00fcden erkunde ich also die St\u00e4dte Kairouan, El-Jem, Mahdia, Sousse, Monastir, Hammamet und das Cap Bon. Jede einzelne ist enorm durch den R\u00fcckgang des Tourismus beeinflusst, der Resultat der Revolution im Arabischen Fr\u00fchling und der zwei in den europ\u00e4ischen Medien pr\u00e4senten Anschl\u00e4gen im Bardo-Museum in Tunis und am Strand von Sousse ist. Die Spuren sind omnipr\u00e4sent und obwohl seit dem letzten Jahr der Tourismus um 1,6% angestiegen ist gingen die Einnahmen um 8.4% zur\u00fcck, sodass nicht einmal der Anstieg eine wirklich positive Auswirkung besitzt.<\/p>\n<p>Deutlich wird jedoch schnell, dass Tunesien in den letzten Hundert Jahren zu einem Land des Massentourismus gewachsen ist und eine dementsprechend gut ausgebaute Infrastruktur mit viersprachigen Schildern, europ\u00e4ischen Men\u00fcs und Hotelkomplexen zu bieten hat. Doch nicht in jede Stadt ist diese Anpassung vorgedrungen und Perlen wie El-Jem oder Kairouan scheinen gerade wegen ihrer Tradtitionalit\u00e4t hervor. Aber immer Schuwiya-Schuwiya &#8211; eins nach dem anderen.<\/p>\n<p>Nachdem ich bereits zwei Monate in Tunesien lebte ohne auch nur einen Fu\u00df in eine andere Stadt als das an Algerien angrenzende Tabarka gesetzt zu haben, war es allerh\u00f6chste Zeit, die letzten Tage im Land zu nutzen. F\u00fcr sechs Tage machte ich mich also auf in den Mittelteil dieses kleinen, aber wirklich besonderen Landes.<\/p>\n<h3>Kairouan &#8211; Die Traditionelle<\/h3>\n<p>Zu Beginn der Reise f\u00fchrte mich das 9-Sitze-Langstreckentaxi, das hier Louage genannt wird, nach Kairouan, eine ehemalige Kamel- und Handelsstadt. Diese liegt in Herzen Tunesiens und verf\u00fchrt durch eine einzigartig ungest\u00f6rte und unbeeinflusste Medina mit einer riesigen Moschee und H\u00e4usern wie man sie aus Star Wars kennt. Niedrig und selten h\u00f6her als zwei Stockwerke sind diese mit Lehm verputzt oder gewei\u00dfelt. Durch die kleinen, oft halbrunden Eing\u00e4nge mit kuppelartigen D\u00e4chern, kann man einen Einblick in Tischlereibetriebe, Schl\u00fcsselmacher oder Webst\u00fchle erhalten. Viele Klein- und Kunstgewerbe scheint es hier zu geben und nicht zuletzt wegen seiner einzigartigen Berberteppiche ist Kairouan von weit her bekannt.<\/p>\n<h3>Sousse &#8211; Die Belebte<\/h3>\n<p>Vom Kurztrip nach Kairouan ging es weiter nach Sousse, die drittgr\u00f6\u00dfte Stadt Tunesiens, die am Meer gelegen einen perfekten Ausgangspunkt f\u00fcr Reisen in die Umgebung bietet. Von Sousse hatte ich schon viel geh\u00f6rt und nicht zuletzt meine ehemalige Mitbewohnerin Asma hatte mir von dieser tollen Stadt vorgeschw\u00e4rmt. Mithilfe des vor-Revolution\u00e4ren Reisef\u00fchrers fanden wir ein kleines Hotel am Rande der Medina und lernten die Meeresbrise des Oktobers zu sch\u00e4tzen, die hier an der s\u00fcdlichen Mittelmeerk\u00fcste gar nicht so ohne ist. Sousse wirkt jedoch auf Anhieb wie ein ziemlich schr\u00e4ger Mix aus Tradition wie in der Medina und Modernit\u00e4t wie in Clubs am Strand. Viele Welten treffen hier aufeinander und ergeben eine Stadt, in der es unglaublich viel zu erleben und viel zum Staunen gibt. Das Restaurant Dell&#8217;Arte grenzt zum Beispiel direkt an die Kunsthochschule an und k\u00f6nnte in einer deutschen Gro\u00dfstadt exakt so zu finden sein, wenn nicht die arabischen Kaligraphien in einem tollen Gem\u00e4lde die Wand schm\u00fccken w\u00fcrden. Auch die Kunststudentinnen, die morgens die Croissanterie aufsuchen bilden mit ihren Mappen und Zeichnungen unter dem Arm einen krassen Gegensatz zu uns Europ\u00e4ern, die wir gerade mit einem kleinen Rucksack durchs Land pilgern.<\/p>\n<p>Von Sousse kann man tolle Tagesausfl\u00fcge nach El-Jem, Mahdia und Monastir machen, jedes eine Stadt, die in sich geschlossen ein anderes Bild vermittelt.<\/p>\n<h3>El-Jem &#8211; Die \u00dcberraschende<\/h3>\n<p>El-Jem bietet einen schr\u00e4gen Kontrast aus kompletter Interesselosigkeit aus Touristensicht, aber einem der gr\u00f6\u00dften Kolossen des gesamten alten R\u00f6mischen Reiches. Auf keinen Fall sollte man diesen Ausflug verpassen, da man bis auf die 30 Meter hohen R\u00e4nge hinaussteigen kann, von denen nur noch in skurriler Zeitlosigkeit die Rundb\u00f6gen unter den einstigen Sitzen der Trib\u00fcne \u00fcberdauern. Diese wirken jedoch wie st\u00fcrzende St\u00e4dte in Inception und bieten in der Oktobersonne einen imposanten Eindruck. Auch der Blick auf die kleine Stadt ist beeindruckend von hier oben, genauso wie die Vorstellung, dass hier einst 30.000 Menschen, also deutlich mehr als die heutige wie damalige Bev\u00f6lkerung um das Blutvergie\u00dfen von Menschen und Tieren jubelten. Auch die Romanische Villa ist genial und eindrucksvoll. Komplett unerwartet findet sich hier eine beispiellose Mosaiksammlung, die zweitausend Jahre fast einwandfrei \u00fcberdauert haben. Wundersch\u00f6n sind die mit Rosmarin und Lavendel ges\u00e4umten S\u00e4ulen und Statuen, die einen kleinen Einblick in das damalige prunkvolle Leben der vermutlich h\u00f6heren Romanischen Bev\u00f6lkerungsschicht bieten.<\/p>\n<h3>Mahdia\u00a0&#8211; Die Sch\u00f6ne<\/h3>\n<p>Mahdia bietet als K\u00fcstenstadt einen deutlichen Kontrast zum trockenen Klima von El-Jem. \u00c4hnlich ist jedoch Ende Oktober die Windst\u00e4rke, die mit 35 Stundenkilometer nicht gerade zaghaft ist. Die sch\u00f6ne Altstadt liegt auf einer Halbinsel, die in kleinen Gassen in einem Ribat, einer Art Festung, endet und in einen gro\u00dfen Friedhof ausl\u00e4uft. Hier ist der sturmblaue Himmel hinter glei\u00dfend wei\u00dfen Zaouias (Mausoleen) unglaublich beeindruckend. Die Stimmung rei\u00dft mit und bringt Sturm ins Herz, man kann sich kaum mehr l\u00f6sen von den sek\u00fcndlich ver\u00e4nderten Panoramas, die Wellenbruch, alte Ruinen und wei\u00dfe Grabsteine vereinen. Vor schwarzgrauem Himmel sollte man sich hier jedoch h\u00fcten und besser fliehen, bevor der Wolkenbruch kommt und in Platzregen die Trockenheit des Tages mit sich nimmt.<\/p>\n<h3>Monastir &#8211; Die Beeindruckende<\/h3>\n<p>Monastir wiederum ist ziemlich touristisch\u00a0und wirkt mit seinen langen Touristenstra\u00dfen und seiner Vielzahl an mehrsprachigen Caf\u00e9s etwas trostlos ohne die Abnehmer dessen. Auch stellt sich die Frage, wie die unglaubliche Vielzahl an Hotelketten wohl finanziert werden kann, die nun anscheinend seit einiger Zeit bereits ziemlich leer stehen. Die M\u00e4nnercaf\u00e9s sind tats\u00e4chlich auch zu jeder Tageszeit gef\u00fcllt, sodass auch hier der Gedanke aufkommt, dass diese keinem t\u00e4glichen Beruf nachgehen. Schade ist es um diese sch\u00f6ne Kleinstadt, die sch\u00f6ne Strandspazierg\u00e4nge, eine kleine Insel, kr\u00e4ftige Wellen und sch\u00f6ne Caf\u00e9s zu bieten hat. Obwohl mir auf der Zugreise hierher davon abgeraten wurde, weil es angeblich nichts zu sehen g\u00e4be, ist es wirklich eine Reise wert!<\/p>\n<p>Das Mausoleum vom ehemaligen Pr\u00e4sidenten Habib Bougiba beeindruckt durch seine sch\u00f6nen typisch gr\u00fcnen und wei\u00dfen Kuppeln und den aufwendig verzierten Innenraum, dessen Herzen der Sarkophag bildet. Viel bewirkte der hier ablebende Pr\u00e4sident in seinem Land und setze sich nicht zuletzt stark f\u00fcr einen deutlich moderneren Islam und Frauenrechte ein, bevor er in einer friedlichen Regierungs\u00fcbernahme von Ben Ali abgesetzt und f\u00fcr Regierungsuntauglich befunden wurde.<\/p>\n<p>Sousse in einem knappen Tag zu besichtigen ist wohl fast unm\u00f6glich, doch auch der kleine Einblick, den ich erhalten durfte, hat mich doch von der Einzigartigkeit der Stadt \u00fcberzeugt. Im kleinen Privatmuseum Dar Essaid erlebte ich jedenfalls eine riesige \u00dcberraschung. Aus der vielen Auswahl eher durch Zufall rausgepickt, erwies es sich als eine Schatzkammer aus Einrichtungsgegenst\u00e4nden, alten Kleidungen und Nachbau von vor 100 Jahren. Ein Offizier lebte hier mit seiner Familie in dem beeindruckend gro\u00dfen Haus mit seinen Himmelbetten, Parf\u00fcmsammlung, \u00d6llampen und dem eigenen Turm, von dem aus man die gesamte Altstadt \u00fcberblicken kann. Genial! Vor allem nach langem Herumirren durch die Medina war es eine gelungene \u00dcberraschung und eine Besichtigung, die viel Vorstellungskraft geweckt hat.<\/p>\n<h3>Hammamet &#8211; Die Beliebte<\/h3>\n<p>Von Sousse ging es hoch an der K\u00fcste entlang in den Ferienort Hammamet, in dem sich die Masse der Hotels und Tourismusveranstaltungen ballt. Gerade nach der abenteuerlichen K\u00fcste mit Wolkenmeer von Mehdia and Monastir fand ich hier eisblauen Himmel und langgezogenen, goldgelben Strand. Gemeinsam mit Freunden aller Nationalit\u00e4ten, die ich in den letzten Monaten in Tunis kennen gelernt habe, verbrachten wir hier einen genialen Strandtag mit Hafenbesuch, Wellenschauen, Restaurant am Strand und einer kleinen Stadtbesichtigung. Das Youth Hostel eignete sich auch ideal f\u00fcr den kurzen Aufenthalt, da es direkt am Strand und N\u00e4he am Zentrum gelegen die perfekte Basis zum Rumkommen bot, ohne im Tourismusherzen zu liegen. Der Strand von Hammamet ist tats\u00e4chlich wundersch\u00f6n und traumhaft, wenn nicht sogar der Sch\u00f6nste, der mir auf der gesamten Reise begegnet ist. So hat sich auch das weitere Erkunden der K\u00fcstenlinie gelohnt und weiter geht&#8217;s aufs Cap Bon.<\/p>\n<h3>Cap Bon &#8211; Das Highlight<\/h3>\n<p>Davon hatte ich schon so einiges geh\u00f6rt und schon einmal vergeblich versucht, einen Ausflug zu unternehmen. Das Cap s\u00fcd\u00f6stlich von Tunis ist mit\u00a0\u00f6ffentlichen Verkehrsmittel gar nicht so einfach zu erreichen. Hier fahren nur die Louages, die Kleintaxis, und Busse, um die kleinen St\u00e4dte zu verbinden. So fuhren wir von Hammamet ins nahe gelegene Nabeul zum Fr\u00fchst\u00fcck und von da bald weiter nach Kelibia, das f\u00fcr seine traumhaften Str\u00e4nde bekannt ist. Am von Steinen ges\u00e4umten Strandstreifen lag wir in der kr\u00e4ftigen Oktobersonne, kamen endlich ein wenig zur Ruhe nach dem vielen Reisen und genossen das Rauschen der Wellen. So unfassbar sch\u00f6n war dieser Tag, dass das Meer\u00a0glitzerte und kaum von der Kamera einzufangen war. Vergeblich versuchte ich also, den Moment festzuhalten und f\u00fcr sp\u00e4tere dunkle Stunden aufzubewahren.<\/p>\n<p>Von Kelibia f\u00fchrte uns ein Kleinbus weiter bis ans letzte Ende des Caps: El Haouira. Ich hatte gelesen, es m\u00fcsse sich wie das Ende der Welt anf\u00fchlen, doch was mich dort erwartete, h\u00e4tte ich nicht einmal zu tr\u00e4umen gewagt. Dort um 4 angekommen erfuhren wir schnell, dass die letzte M\u00f6glichkeit, nach Tunis zur\u00fcckzufahren, bereits vor einer Stunde abgefahren war. Etwas verzweifelt mussten wir also\u00a0einsehen, dass unser zugegebenerma\u00dfen etwas spontaner Plan leider zu scheitern drohte. Pl\u00f6tzlich waren wir es so leid, immer weiterzuziehen und von den f\u00fcnf Tagen Dauernomadenleben ziemlich geschafft und wollten uns schnell auf den Weg zur\u00fcck in die Hauptstadt machen. In einem hochmotivierten Abenteuertrip lie\u00dfen wir uns mit dem Taxi an die K\u00fcste bringen, uns vom Taxifahrer des Vertrauens seine Handynummer geben, um vom Ende der Welt auch wieder wegzukommen, und machten eine kleine Spritztour durch die beeindruckende Landschaft. Denn das war sie tats\u00e4chlich! Ein klares Highlight der gesamten Reise, wenn auch zeitlich unterrepr\u00e4sentiert. Die Stimmung dieser Wolkenmeere, eisblauen Wellen und ockergetr\u00e4nkten Felsz\u00fcgen waren wirklich unglaublich beeindruckend. Faszinierend, diese Stimmung. Man f\u00e4hrt und f\u00e4hrt und f\u00e4hrt, ist den gesamten Tag nur unterwegs und endet pl\u00f6tzlich am Ende des Weges, in einer Sackgasse, die so viel Sch\u00f6nes biete. Wahnsinn! Mein ultimativer Tipp von Tunesien: Elhaouira, das Ende der Welt, soweit wir sie kennen.<\/p>\n<p>So endete die f\u00fcnf-Tages-Reise ganz unerwartet so perfekt wie m\u00f6glich. Mit gef\u00fchlt dem letzten Taxi, dem letzten Bus, den letzten Dinar ging es bald zur\u00fcck nach Tunis, wo statt gem\u00e4\u00dfigter Hauptstadtstimmung die Taxifahrer streikten und die ganze Stadt lahmlegten. Doch auch das konnte mir an dem Tag nicht mehr viel abhaben. Augen zu, Musik an und durch &#8211; oder eher heim, in diesem Falle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hast du in deinem Kopf auch das Bild eines krisenger\u00fcttelten Landes, das Anschlagsgef\u00e4hrdet und nicht f\u00fcr Touristen geeignet ist? 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