{"id":4044,"date":"2016-10-28T12:48:51","date_gmt":"2016-10-28T12:48:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/?p=4044"},"modified":"2016-10-28T17:12:53","modified_gmt":"2016-10-28T17:12:53","slug":"feesmustfall","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/en\/feesmustfall\/","title":{"rendered":"#feesmustfall"},"content":{"rendered":"<p>Zu meinem Praktikum bei der Friedrich Ebert Stiftung in Lusaka geh\u00f6rte letzte Woche die tolle M\u00f6glichkeit, im Rahmen einer Konferenz \u00fcber Social Protection nach Johannesburg zu reisen. Zusammen mit dem Staff der FES war es meine Aufgabe, die Konferenz im Hintergrund organisatorisch zu betreuen. Das war eine tolle Erfahrung, auch wenn der Stress Level durchg\u00e4ngig sehr hoch war und der konstante Schlafmangel seine Spuren hinterlassen hat. Ich hatte zum Gl\u00fcck aber auch die M\u00f6glichkeit, mir viele der Reden und Diskussionen anzuh\u00f6ren und konnte so auch inhaltlich etwas mitnehmen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die 10 Tage in S\u00fcdafrika haben meine Aufmerksamkeit aber auch noch auf andere Dinge gelenkt. Speziell die Studentenproteste sind ein t\u00e4gliches Gespr\u00e4chsthema, deshalb m\u00f6chte ich einen Blogeintrag dar\u00fcber schreiben. Denn wie so viele andere Erfahrungen zeigt auch diese das unglaubliche Privileg in Deutschland aufwachsen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>S\u00fcdafrikas Universit\u00e4ten werden v\u00f6llig zu Recht als die Besten des ganzen Kontinents gesehen. Die Forschung und Lehre dort steht vielen europ\u00e4ischen oder nordamerikanischen in Nichts nach, und die Abschl\u00fcsse dort sind weltweit hoch angesehen. Teilweise ist dieser nicht selbstverst\u00e4ndliche Standard den Strukturen des aus Europa mitgebrachten Bildungssystems geschuldet, doch aus diesem Grund sind die Strukturen vielleicht auch nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df.<\/p>\n<p>Die Studentenproteste begannen 2014 in der kleinen Stadt Grahamstown im S\u00fcden S\u00fcdafrikas nahe Port Elizabeth.\u00a0 Die dortige Universit\u00e4t ist nach dem britischen Kolonialisten Cecil Rhodes benannt, was schon immer mindestens umstritten war, in den Augen vieler aber als blanker Hohn gesehen wird, verk\u00f6rpert Rhodes doch l\u00e4ngst vergangene, l\u00e4ngst bew\u00e4ltigte Zeiten und Systeme. So begann eine Kampagne, die heute mit dem hashtag #feesmustfall umschrieben wird eigentlich mit dem Protest gegen die Hommage an die Kolonialzeit. Damals hie\u00df es #rhodesmustfall und das wurde w\u00f6rtlich genommen: Die Statue gibt es nicht mehr. Trotzdem hat die Universit\u00e4t ihren Namen aber behalten.<\/p>\n<p>Diese Proteste stellten aber nur einen Funken dar, der schon bald ein gro\u00dfes, landesweites Feuer des Protests entz\u00fcndete. Denn selbstverst\u00e4ndlich symbolisiert Cecil Rhodes nicht nur die britischen Eroberungen, sondern auch eine systematische Diskriminierung gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung, was in der Apartheid seinen H\u00f6hepunkt fand und soziale Ungleichheit im Sinne von fehlender\u00a0 Chancengleichheit auf Jahrzehnte in S\u00fcdafrika manifestierte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind inzwischen alle Bev\u00f6lkerungsteile per Gesetz gleichgestellt, doch in der Praxis sieht die Sache anders aus. So ist zum Beispiel die Kolonialzeit l\u00e4ngst vorbei, dennoch werden die damaligen Pers\u00f6nlichkeiten noch heute in Ehren gehalten. Und so ist die Apartheid offiziell zum Gl\u00fcck vorbei, aber in manchen Bereichen halt doch nicht.<\/p>\n<p>Die nach wie vor extreme Chancenungleichheit manifestiert sich neben andere Aspekten vor allem im Bildungssystem. Das geht nat\u00fcrlich los in den Grund- und Hochschulen, die ich ja selber im Rahmen meines freiwilligen Dienstes in Mamelodi kennengelernt habe, und wird im Kontext der Universit\u00e4ten zu einem un\u00fcberwindbaren Hindernis f\u00fcr viele. Die Studiengeb\u00fchren betragen j\u00e4hrlich bis zu 50.000 Rand (ca. 3500 Euro), was Statistiken zu Folge gerade mal 2% der Bev\u00f6lkerung Zugang zu Universit\u00e4ten erlaubt. Dar\u00fcber hinaus geht es den s\u00fcdafrikanischen Studenten mit der Wohnungssuche auch nicht anders als uns. Wohnraum in St\u00e4dten ist sehr begrenzt, und manche Universit\u00e4ten haben auch die seltsame Regel, dass Studierende in speziellen Wohnheimen mache der Uni untergebracht werden m\u00fcssen, welche dann mal locker das Doppelte einer normalen WG kosten. So entstehen Schuldenberge von fast einer halben Million Rand im laufe eines Studiums. Ob Kredite daf\u00fcr bewilligt werden, ist fraglich. Die ethnischen Unterschiede sind dabei besonders krass. Nach wie vor sind es vor allem die wei\u00dfen S\u00fcdafrikaner, die \u00fcber gen\u00fcgend Kapital verf\u00fcgen um ihre Kinder auf Universit\u00e4ten zu schicken. \u201eApartheid never ended in this country\u201c sagte mir w\u00e4hrend meines Besuchs dort eine Studentin, als ich sie genau darauf ansprach.<\/p>\n<p>Dieses System ist erzkonservativ, den Wohlstand und die Macht Weniger bewahrend, und verhindert den Aufstieg fast aller. Das konnte nicht gutgehen. Nachdem also Rhodes, das Gesicht der manifestierten Ungleichheit gest\u00fcrzt war, machten sich die Studentenproteste daran, auch das System an sich zu revolutionieren.\u00a0 So sprang der Funken \u00fcber auf das ganze Land, und in allen\u00a0 Universit\u00e4tsst\u00e4dten gingen die Proteste los. Viele Studenten, quer durch alle Bev\u00f6lkerungsschichten, schlossen sich der Bewegung an und die faszinierende Vision des kostenlosen Studierens schien die Studenten zu einen. Leider schlug die Stimmung aber auch schnell um. Die eigentlich friedlichen Proteste wurden durch einige wenige aufgemischt, und so entstanden Szenen, die in S\u00fcdafrika eigentlich einem anderen Jahrhundert zugeordnet werden.<\/p>\n<p>Um sich Geh\u00f6r gegen\u00fcber einer zun\u00e4chst sehr ignoranten Politik zu verschaffen zogen beispielsweise Studenten aus Pretoria vor die Union Buildings, den Sitz der Regierung, um friedlich aber bestimmt und sehr ernsthaft zu protestieren. In der Menge waren auch Professoren dabei und Blacks, Whites und Coloureds waren zumindest f\u00fcr den Moment vereint. Die Reaktion der Regierung war dann schockierend. Panzerw\u00e4gen, Hundertschaften an Polizei und Milit\u00e4r , Wasserwerfer und Rubberbullets waren die Antwort auf die Demonstranten. Es kam wie es kommen musste, und in vielen St\u00e4dten ist die Situation eskaliert, wobei ich betonen m\u00f6chte, dass der allergr\u00f6\u00dfte Teil der Demonstranten friedlich bleibt. Nur einige wenige nehmen die Proteste als eine Art Freibrief um Autoreifen anzuz\u00fcnden, Steine zu schmei\u00dfen oder Glasscheiben einzuschlagen.<\/p>\n<p>Die politische Antwort seitens der Regierung, aber auch seitens der Opposition, l\u00e4sst bisher auf sich warten. Zwar wurde eine Sonderkommission gegr\u00fcndet, die ein Konzept zur Anpassung der Studiengeb\u00fchren vorlegen soll,\u00a0 doch auf Ergebnisse m\u00fcssen die Studierenden seit mehr als einem Jahr warten. Das liegt sicher daran, dass \u00fcberhaupt nur ein Bruchteil der s\u00fcdafrikanischen Bev\u00f6lkerung direkt davon betroffen w\u00e4re, aber sicher auch an fehlendem politischem Willen, das bestehende System zu ersetzten.<\/p>\n<p>Es ist sicher auch dieser Ignoranz geschuldet, dass sich in den letzten Jahren eine kleine politische Revolution andeutet.\u00a0 Der ANC (African National Congress), die Partei, die unter Mandelas F\u00fchrung den Neubeginn nach der Apartheid in S\u00fcdafrika gestaltet hat und nach wie vor den Pr\u00e4sidenten stellt, verliert mehr und mehr an Stimmen.\u00a0 Korruptionsvorw\u00fcrfe und die Nichteinhaltung von Wahlversprechen tun\u00a0ihr \u00dcbriges um die politische Landschaft zu ver\u00e4ndern. In den Regionalwahlen dieses Jahr gingen vor allem die gro\u00dfen St\u00e4dte, wo es ja auch die Universit\u00e4ten gibt, an die Opposition. Die Reaktion des ANC ist zumindest nicht \u00f6ffentlich. Bisher geht es mit Business as usual weiter, und der Pr\u00e4sident steckt in internen Machtk\u00e4mpfen fest, die es zweifelhaft erscheinen lassen, ob er die ganze Amtsperiode politisch \u00fcberleben kann.<\/p>\n<p>Und so kann die #feesmustfall Bewegung auch als eine symbolhafte Bewegung gesehen werden, die den Born frees endlich eine Stimme gibt. Bisher war, nach meinem Eindruck, die s\u00fcdafrikanische Politik noch sehr im 20. Jahrhundert stecken geblieben und hat sich wenig um die Bed\u00fcrfnisse der jungen Generation gek\u00fcmmert. Die Quittung daf\u00fcr sind nun die Proteste, und ich hoffe sehr, dass einerseits die Proteste inhaltlich erfolgreich sein werden und die gigantische Ungleichheit im Land ein St\u00fcck weit reduziert werden kann. Andererseits ist es aber auch eine M\u00f6glichkeit einer ganzen Generation, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und den Fokus mehr auf die Gegenwart und die nahe Zukunft zu legen.<\/p>\n<p>Ich bin gespannt wie es weitergeht, und hoffe sehr, dass das deutsche Privileg einer kostenlosen universit\u00e4ren Bildung auch in anderen L\u00e4ndern ein Standard wird, denn wie Mandela selbst gesagt hatte: education is the most powerful weapon to change the world!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu meinem Praktikum bei der Friedrich Ebert Stiftung in Lusaka geh\u00f6rte letzte Woche die tolle M\u00f6glichkeit, im Rahmen einer Konferenz \u00fcber Social Protection nach Johannesburg zu reisen. Zusammen mit dem Staff der FES war es meine Aufgabe, die Konferenz im Hintergrund organisatorisch zu betreuen. 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