{"id":3951,"date":"2016-10-17T21:31:32","date_gmt":"2016-10-17T21:31:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/?p=3951"},"modified":"2016-10-17T21:49:36","modified_gmt":"2016-10-17T21:49:36","slug":"retrospektive","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/en\/retrospektive\/","title":{"rendered":"Retrospektive"},"content":{"rendered":"<p>Mist. Ich \u00e4rgere mich gerade so richtig. Marokko wirkt auf viele wie ein Paradies mit mehreren Tausend Kilometern Strand, orientalischem Flair und bezauberndem Abenteuerprogramm. Viele machen in Marokko Urlaub, genie\u00dfen das angeblich freieste und offenste Land der Arabischen Welt, in dem man \u201enoch Urlaub machen kann\u201c. Und nicht wenige verlieben sich in dieses wundersch\u00f6ne Land.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist Marokko im Januar 2016 jedoch viel zu schnell Heimat geworden. Heimat, also Wohlf\u00fchlen und Zurechtkommen. Heimat, aber auch Entzauberung, Alltag und Normalit\u00e4t. Uni, Praktikum, Einkaufen. Carrefour an der Ecke; Tante-Emma-Laden gegen\u00fcber; hektisch durch die Medina, um noch schnell etwas Obst zu kaufen. Sogar die besonderen T\u00fcren, die freundlichen Blicke, die Sch\u00f6nheit der Stadt habe ich bald in Rabat gar nicht mehr wahrgenommen. Die Augen habe ich nicht mehr gehoben, den Blick gesenkt, um keinem Mann falsche Signale zu geben und noch \u00f6fter angesprochen zu werden als dies ohnehin schon der Fall ist. Und war abends hundem\u00fcde, nachdem ich in vollgepackter Tram die Stunde Reise hinter mir hatte, um von einem Stadtende zum anderen zu kommen.<\/p>\n<p>Und jetzt \u00e4rgere ich mich gerade so richtig. Ich \u00e4rgere mich, weil ich f\u00fchle, dass ich in Marokko etwas verpasst habe. Dass ich die Sch\u00f6nheit nicht mehr gesehen habe. Dass ich dem Wunderbaren um mich herum mehr Platz h\u00e4tte geben sollen. Dass ich noch mehr h\u00e4tte reisen, noch mehr genie\u00dfen, noch mehr h\u00e4tte wertsch\u00e4tzen sollen.<\/p>\n<p>Dabei sitze ich gerade in Tunesien, in der Hauptstadt, in einem der sch\u00f6nsten Viertel der Stadt. Genie\u00dfe hier ebenso ein sch\u00f6nes Leben wie in Marokko. Lerne tolle Menschen kennen, wirke auf andere wie im Urlaub und lasse mich mitrei\u00dfen. Habe hier genau wieder die Chance, mit meiner Umgebung in direktesten Kontakt zu treten. Laufe wieder mit gesenktem Blick? Verliere mich wieder im Alltag? Bin blind f\u00fcr die Sch\u00f6nheit, die mich umgibt?<\/p>\n<p>Fakt ist: Vier Monate, nach dem das soziale Leben in Marokko aufgeh\u00f6rt hat, holt mich jetzt die Retrospektive ein. Wirft mich mit voller Wucht zur\u00fcck und zieht mich in ihren Bann. Sie spiegelt, verkl\u00e4rt, besch\u00f6nt und \u00fcberwertet. Sie setzt alles in ein anderes Licht. Zieht einen Filter \u00fcber das Foto, das danach im Rohformat nie wieder sch\u00f6n aussehen wird. L\u00e4sst mich pl\u00f6tzlich Marokko so sehen, wie ihr es seht! Nicht mehr als Alltag und aktuelle Wohnst\u00e4tte um mich herum, sondern als ein wundersch\u00f6nes Land mit Palmen, Strand, Verzierungen, Motiven.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich kehren die Farben zur\u00fcck. Der einzigartige, ruhige Stillstand in der Villa in Hay Riad, in der ich zwar einen leeren Pool, aber kein Social Life hatte. Die warme, dynamische WG mit Matteo und Giulia im Hay Hassan, in der ich zwar keine Wand, aber daf\u00fcr Social Life zur Gen\u00fcge hatte. Und letztlich die lebendige, beste Wohnung im Stadtzentrum mit Salvatore und Sarah in die ich jederzeit und jede einzelne Sekunde augenblicklich zur\u00fcckkehren w\u00fcrde. Was ein Gl\u00fcck! Was eine geniale Zeit! Wie wundersch\u00f6n! Wie unglaublich bereichernd!<\/p>\n<p>Warte auf die Retrospektive. Lass sie sich mitrei\u00dfen und genie\u00dfe die verschwommene Klarheit, die sie bringt. Genie\u00df den \u00dcberblick, den du bekommst und genie\u00df das warme Gef\u00fchl ums Herz wenn du pl\u00f6tzlich begreifst, dass sich doch alles gelohnt hat. Und dass alles genauso war wie es sein sollte. In allen Phasen, Etappen, \u00dcberg\u00e4ngen und Zusammenh\u00e4ngen. Wenn du merkst, dass es genau das ist, was wir auf Reisen suchen. Alltag zu haben und einkaufen zu gehen, aber dennoch einem Land, einem Volk, einem Meer an Lebensrealit\u00e4ten so nahe zu kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marokko wirkt auf viele wie ein Paradies mit mehreren Tausend Kilometern Strand, orientalischem Flair und bezauberndem Abenteuerprogramm. Viele machen in Marokko Urlaub, genie\u00dfen das angeblich freieste und offenste Land der Arabischen Welt, in dem man \u201enoch Urlaub machen kann\u201c. 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