{"id":3447,"date":"2016-10-08T16:02:34","date_gmt":"2016-10-08T16:02:34","guid":{"rendered":"https:\/\/sofagoesabroad.wordpress.com\/?p=3447"},"modified":"2016-10-17T21:47:01","modified_gmt":"2016-10-17T21:47:01","slug":"olivenernte-zur-halbzeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/en\/olivenernte-zur-halbzeit\/","title":{"rendered":"Olivenernte zur Halbzeit"},"content":{"rendered":"<p>In Tunis bin ich nach einem Monat bereits\u00a0perfekt stationiert und eingerichtet. Gerade habe ich mir einen kleinen Farn gekauft und mit einem der klassischen tunesischen Streifent\u00fccher meinen Schreibtisch dekoriert. Es geht mir wunderbar. Ich schaue aus dem Fenster, die Sonne scheint, der Himmel strahlt, die Kakteen und W\u00fcstenpflanzen auf meiner Fensterbank schm\u00fccken den t\u00e4glichen Blick gen Tunis und dazu sch\u00f6n Morgenr\u00f6te von Spotify. Besser kann es eigentlich gar nicht sein.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gestern Nachmittag sa\u00df ich mit Laura im B\u00fcro; beide v\u00f6llig genervt, \u00fcberfordert und einfach nur noch reif f\u00fcrs Wochenende. Da half nur eine Pause auf dem Balkon vom B\u00fcro, das wir uns teilen. Doch pl\u00f6tzlich standen wir fast auf Augenh\u00f6he von einem Mann, der in drei Meter H\u00f6he mit Flipflops im Olivenbaum steht. Um die reifen, schwarzen Oliven herunterzubekommen sch\u00fcttelte er wie bei deutscher Apfelernte die \u00c4ste, bis die Traubengroben Fr\u00fcchte herunterfielen. Gemeinsam mit unserer Haush\u00e4lterin half ich beim Aufsammeln, probierte auch zaghaft eine der reifen Oliven, die jedoch sauer, bitter und einfach gr\u00e4sslich schmecken. Wer hatte denn bitte die famose Idee, diese in Salz und Wasser einzulegen? Genial jedenfalls! Am Ende hatten wir tats\u00e4chlich einen ganzen Eimer voll gr\u00fcner und schwarzer Oliven, die sich meines Wissens nach aufgrund des unterschiedlichen Reifegrades farblich unterscheiden.<\/p>\n<p>Nach verdientem Feierabend war ich mit einem Couchsurfer, den ich k\u00fcrzlich kennen gelernt hatte in einem der chiceren Teile von Tunis unterwegs. \u201eC\u2019est o\u00f9, la crise?\u201c haben wir uns dort gefragt. Der Club-Bar-Komplex grenzte direkt ans Meer, sch\u00f6n, stilvoll, nat\u00fcrlich heillos \u00fcberteuert aber einfach genial. Auf Schaukeln, Strandliegen oder Couchsesseln lie\u00df sich der Abend dort fein verbringen und um mich herum tummelte sich die gef\u00fchlte tunesische Studenten-Mittelschicht. Wie schaffen die es alle, diese k\u00fcnstliche, aufgebauschte Welt mit dem alten Stadtkern der Medina zu verbinden?<\/p>\n<p>Spannend ist es jedenfalls, hier zu sein und mich als Europ\u00e4erin pl\u00f6tzlich gar nicht mehr so fehl am Platz zu f\u00fchlen. Andererseits muss ich auch zugeben, dass es gerade in Regensburg nicht mal ann\u00e4hernd Vergleichbares gibt. Wie kommen wir wohl damit klar, nach Metropolen wie Seoul, Katmandu oder Mumbai wieder in der bayerischen Provinz zu stecken?<\/p>\n<p>Als in der Strandbar die Stimmung aber um Mitternacht immer noch nicht so pralle war sind wir weitergezogen und pl\u00f6tzlich habe ich mich in einer ganz anderen Welt wiedergefunden. Schon als wir noch unschl\u00fcssig zu viert in einem gro\u00dfen Clubraum standen, war klar, dass wir hier ein anderes Kaliber vor uns hatten. Die Stimmung war bombe! Krass viel los und \u00fcberall wurde getanzt und gelacht. Nicht wie in der Strandbar ruhig und gediegen, sondern ausgelassen und voller Energie war hier das Ambiente. Eine Band spielte live irischen Folklore, dann aber Klassiker und Neues. Ein irrer Mix, aber genial durch die Tanzbarkeit. Damit hatte ich nach der k\u00fcnstlichen Party-Welt vom Anfang des Abends gar nicht mehr gerechnet. Und war umso begeisterter.<\/p>\n<p>Hier stehen Reinigungsfachkraft und Koch an der Theke, schauen den Tanzenden mit ungl\u00e4ubigem Blick zu. Eine Barfrau tanzt sich an beide heran, krasser Kontrast zwischen Kochsch\u00fcrze, Reinigungskleidung und knapp geschnittenem schwarzen Kleid. Hier tanzen Paare miteinander, k\u00fcssen und umarmen sich, w\u00e4hrenddessen im \u00f6ffentlichen Raum auf der Stra\u00dfe nicht einmal H\u00e4ndchenhalten pr\u00e4sent ist. Wie passt das zusammen? Wie k\u00f6nnen sie sich zwischen solch radikal unterschiedlichen Welten bewegen? Was denken beide Seiten wohl voneinander?<\/p>\n<p>Ein toller Abend war es jedenfalls. Ein Abend, der eine weitere Komponente zu meiner diesj\u00e4hrigen Maghreb-Erfahrung hinzugef\u00fcgt hat. Die erste wirkliche Komponente des ausgepr\u00e4gten Nachtlebens, des Zusammenpralls von Wellen, der unvereinbaren Puzzleteile.<\/p>\n<p>Warum aber doch weiter, wo doch alles so genial ist, so perfekt und einzigartig? Und warum schon wieder Halbzeit?<\/p>\n<p>Um ehrlich zu sein muss ich zugeben, dass ich jetzt gerade froh bin, meinen Flug f\u00fcr Ende November nach Katmandu und auch den Heimflug nach Frankfurt f\u00fcr M\u00e4rz bereits gebucht zu haben. Denn eigentlich will ich hier gar nicht mehr weg. Eigentlich bin ich gerade hier, genau hier im Moment, da wo ich f\u00fcr immer bleiben will. Nah an Zuhause in Deutschland, nah an Action und Events, nah an Menschen, die dynamisch, offen und unglaublich beeindruckend sind. Nah an Inspiration und Ideen. Nah an einem neuen Zuhause und Zurechtkommen. Und nah an Wohlf\u00fchlen, Wissen und Weiterkommen. Toll, Tunesien! Danke f\u00fcr die wunderbare Zeit. An alle, die ich jetzt schon kennen gelernt habe. Laura, Christine, Philipp, Totti, Wiiik, Shaebi, Hamdi und all die vielen Lieben und Besonderen anderen. #TimeOfMyLife<\/p>\n<h4>Nachtrag:<\/h4>\n<p>Als ich abends beim Joggen am kleinen Friedhof vorbei bin, halte ich nicht wie gewohnt inne und laufe zur\u00fcck. Stattdessen laufe ich weiter und weiter und weiter. Rechts die Stra\u00dfe zum Meer herunter, die in der D\u00e4mmerung menschenleer ist. Bis zum Strand, immer weiter der Nase nach. An der Wasserkante bahne ich mir meinen Weg zwischen Wellen und Sand, der Wind pfeift mir um die Ohren, zieht mich in alle Richtungen. Ich h\u00f6re nichts mehr, gehe komplett im Rauschen des Meeres auf, das mich umgibt. Das Dr\u00f6hnen des Windes \u00fcbert\u00f6nt den m\u00fcden K\u00f6rper und treibt mich vorw\u00e4rts. Ich weiche den Anglern aus, deren Schn\u00fcre den Strand s\u00e4umen und genie\u00dfe den Sturm um mich herum. Ich sp\u00fcre, wie ich mich entwickle, wie ich voran komme und wie lebendig ich bin. Und w\u00e4re nirgendwo lieber als hier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Tunis bin ich nach einem Monat bereits\u00a0perfekt stationiert und eingerichtet. Gerade habe ich mir einen kleinen Farn gekauft und mit einem der klassischen tunesischen Streifent\u00fccher meinen Schreibtisch dekoriert. Es geht mir wunderbar. 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