{"id":2937,"date":"2016-09-24T23:42:33","date_gmt":"2016-09-24T23:42:33","guid":{"rendered":"https:\/\/sofagoesabroad.wordpress.com\/?p=2937"},"modified":"2016-11-26T15:20:08","modified_gmt":"2016-11-26T15:20:08","slug":"taxi-2-0","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/en\/taxi-2-0\/","title":{"rendered":"Taxi 2.0 ?"},"content":{"rendered":"<p>Freitagabend in Aguascalientes, Feierabend in der Firma. Ich bin auf dem R\u00fcckweg nach Hause und teile mir das Taxi mit zwei Chinesinnen &#8211; die Frau des Fabrikleiters und eine weitere Mitarbeiterin. Die beiden auf der R\u00fcckbank, ich shotgun neben dem Taxifahrer. Und im Laufe dieser durchaus abenteuerlichen Fahrt entdecke ich meine Liebe f\u00fcr Internet-Startups wieder, besonders f\u00fcr eines, das ich gerade in Mexiko selbst oft benutze und das sich doch recht kontrovers umstritten auf dem deutschen Markt platziert hat: Uber.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Doch zun\u00e4chst zur\u00fcck zur Taxifahrt nach Hause. Wir lassen das Taxi von der kleinen caseta de seguridad &#8211; dem W\u00e4chterh\u00e4uschen vor der Firma &#8211; rufen. Und warten, denn das Taxi kommt gut zwanzig Minuten zu sp\u00e4t an. W\u00e4hrend dieser Zeit l\u00e4uft das Taximeter nat\u00fcrlich schon. Das Taxi kommt an, und heraus steigt der Taxifahrer &#8211; ein Mann, der die Bl\u00fcte seines Lebens schon \u00fcberschritten hat (das klingt jetzt furchtbar negativ und gemein, aber ich versuche nur, zu beschreiben) und eine labbrige Jogginghose und ein schmutziges Tshirt tr\u00e4gt. Er spricht sich mit der W\u00e4chterin ab, wir steigen ein, und schon geht es los.<\/p>\n<p>Erst als wir losfahren f\u00e4llt mir auf, was f\u00fcr eine Wampe der Gute neben mir eigentlich hat. Er l\u00fcmmelt im Fahrersitz wie ich zu Hause auf dem Sofa vor dem Fernseher. Aber fahren kann er, das ist ja als Taxifahrer auch das Wichtigste. Nur ab und zu macht er so Sachen wie zum Beispiel 100 km\/h in einer 50er Zone zu fahren, sodass wir beim Durchqueren einer Unterf\u00fchrung regelrecht von den Sitzen h\u00fcpfen als wir wieder nach oben schie\u00dfen. Ich schaue mich immer wieder im Taxi um und bemerke so einige interessante Dinge. Unter anderem, dass es sich um einen <a href=\"https:\/\/www.nissan.com.mx\/tsuru\/\" target=\"_blank\">Nissan Tsuru<\/a> (japanisch f\u00fcr Kranich) handelt, der seit 1982 ohne Ver\u00e4nderung gebaut wird und in vielen lateinamerikanischen L\u00e4ndern noch sehr beliebt ist. Geschickter Weise gelten unter anderem auch in Mexiko neue Regelungen und Vorschriften f\u00fcr die Autoindustrie nur f\u00fcr Modelle, die\u00a0<em>nach<\/em> Inkrafttreten dieser Gesetze auf den Markt kommen. So kann Nissan sein Tsuru Modell seit \u00fcber drei\u00dfig Jahren technisch\u00a0unver\u00e4ndert zum unschlagbaren Preis von 6.000 Euro pro\u00a0Neuwagen anbieten &#8211; nat\u00fcrlich ohne technische Vorz\u00fcge\u00a0wie Airbag, \u00a0ABS oder automatische Fensterheber.<\/p>\n<p>Dieses Taxi ist auf jeden Fall\u00a0<em>kein<\/em> Neuwagen, was man dem Innenraum eigentlich \u00fcberall ansieht. Spr\u00f6de Gummidichtungen, durchgesessene Sitze und abgenutzte Teppiche fallen mir ins Auge. Genauso auch, dass unser Taxifahrer immer wieder an seinen N\u00e4geln kaut und darauf hin hochkonzentriert seine Fingerspitzen begutachtet. Irgendwann denke ich, er k\u00f6nnte\u00a0sich ja auch einfach die N\u00e4gel schneiden &#8211; und wie auf Kommando wurstelt er in seiner Hosentasche herum und holt einen Nagelklipser hervor, der an der n\u00e4chsten roten Ampel auch gleich in Gebrauch genommen wird. Ganz nebenbei l\u00e4sst er sich es auch nicht entgehen, sich immer wieder leider \u00fcberhaupt\u00a0nicht unauff\u00e4llig am Schritt zu kraulen.<\/p>\n<p>Als wir an einer Kirche vorbeifahren, <a href=\"https:\/\/sofagoesabroad.wordpress.com\/2016\/09\/23\/stadtmaus-und-landmaus\/\">bekreuzigt sich<\/a> der Taxifahrer und nickt. Was soll er auch anderes tun, schlie\u00dflich l\u00e4chelt und winkt ihm Papst Johannes Paul II zu &#8211; und das, obwohl man ihn mit Papierklammern an der Sonnenblende des Beifahrersitzes eingeklemmt hat. Auch auff\u00e4llig ist ein kleines Sch\u00e4lchen vor der Gangschaltung, in dem um die zwanzig Zahnstocher liegen. Ob benutzt oder unbenutzt l\u00e4sst sich auch bei\u00a0n\u00e4herem Blick nicht feststellen. Zwischen der Windschutzscheibe und dem Armaturenbrett ist au\u00dferdem eine kleine Holzschatulle eingeklemmt, die leider geschlossen ist, weshalb der\u00a0Inhalt f\u00fcr uns verborgen bleibt &#8211; das Taxiinnere wirft zunehmend mehr Fragen auf.<\/p>\n<p>Eine nette Szene ergibt sich, als wir an einer Ampel halten und der Fahrer des Taxis neben uns von dem unseren erkannt wird. Sie gr\u00fc\u00dfen sich nett und winken sich zu (ganz \u00e4hnlich wie\u00a0die Regensburger Busfahrer) und unterhalten sich kurz nett miteinander. Die Ampel wird gr\u00fcn und schon geht es weiter. \u00a0Beim Anhalten an der letzten Ampel vor unserem Ziel bekommen wir eine der <a href=\"https:\/\/sofagoesabroad.wordpress.com\/2016\/08\/29\/halbzeit-%f0%9f%95%a7\/\" target=\"_blank\">traurigeren Seiten<\/a> Mexikos zu sehen. Ein junger Mann l\u00e4uft von Auto zu Auto, in der Hand ein Schild, auf dem steht: &#8220;Brauche Prothese f\u00fcr mein Auge&#8221;. Bei l\u00e4ngerem Hinschauen sehe ich dann auch, das seine rechte Augenh\u00f6hle leer ist. Und wieder muss ich daran denken, wie gut wir es in Deutschland mit unserer gesetzlichen Krankenversicherung haben.<\/p>\n<p>So am\u00fcsant ich mir die Taxifahrt auch gestaltet habe, ganz das Gelbe vom Ei ist sie doch nicht gewesen. Auch wenn ich bisher in Mexiko erst drei Mal Taxi gefahren bin, sind diese Fahrten nicht un\u00e4hnlich\u00a0gewesen &#8211; und somit betritt ein zun\u00e4chst unbekannter Gegner die B\u00fchne. Wer Uber nicht kennt: es handelt sich dabei um eine App, die von sich behauptet, kein Taxiunternehmen zu sein, sondern lediglich die Kommunikation zwischen Fahrer und Passagier \u00fcbernimmt. Jeder kann sich bei Uber anmelden und in seiner Freizeit quasi zum Privatfahrer werden. Als Passagier rufe ich per App ein Auto zu mir, sehe genau, wo es sich befindet und wann es ankommt, gebe mein Ziel ein oder sage es dem Fahrer, und bezahle bargeldlos per\u00a0Transaktion innerhalb der App. Eine bequemere Art, sich in einer Stadt von A nach B zu bewegen gibt es also wohl kaum. Au\u00dferdem sind die allermeisten Uber-Fahrer das genaue Gegenteil von dem oben beschriebenen Taxifahrer.\u00a0Nicht nur sind sie immer ordentlich gekleidet &#8211; was sie tats\u00e4chlich fast\u00a0als Chauffeur\u00a0erscheinen l\u00e4sst &#8211; sondern der Service ist exzellent, was Abholen, Fahren und Ankommen angeht. Als\u00a0Sahneh\u00e4ubchen bieten viele Wasser und Minzbonbons an, auch kann man als Passagier oft die Musik des eigenen Handys abspielen (&#8220;tienes auxiliar?&#8221;).<\/p>\n<p>Vor allem aber sind Uber-Fahrten viel sicherer als Fahrten mit dem konventionellen Taxi. Autos\u00a0m\u00fcssen Mindeststandards hinsichtlich Sicherheit, Alter und technischen Funktionen erf\u00fcllen &#8211; die Tsuru\u00a0Taxis haben wie gesagt nicht einmal Airbags. Und f\u00fcr viele spielt der Preisfaktor eine gro\u00dfe Rolle: Uberfahrten sind f\u00fcr die gleiche Strecke bis zu 40% billiger als\u00a0Taxifahrten.<\/p>\n<p>Das Ganze soll jetzt nat\u00fcrlich nicht wie eine Werbung f\u00fcr das Internet-Startup sein (ich werde nicht daf\u00fcr bezahlt, versprochen). Trotzdem wei\u00df ich, dass ich diesen Service in Deutschland vermissen werde, da er au\u00dferhalb M\u00fcnchens und Berlins nicht verf\u00fcgbar ist &#8211; Dank vehementen Wehrens vonseiten der deutschen Taxiunternehmen (mit den Preisen deutscher Taxis zu konkurrieren ist n\u00e4mlich nicht sonderlich schwer, stellt sich heraus).\u00a0Das Wichtigste aber an der ganzen Sache: Uber bietet in Taipei seine Dienste an &#8211; und dort werde ich ab Oktober f\u00fcr drei Monate sein. Wie oft ich ihn in dieser Zeit allerdings tats\u00e4chlich entgegennehme,\u00a0wird sich herausstellen. So hat doch Taipei ein fantastisches \u00d6PNV-System aus Metro, Bussen und Bikesharing &#8211; drei Dinge, die ich in Aguascalientes vermisse. In diesem Sinne: Auslandsaufenthalt gerettet!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freitagabend in Aguascalientes, Feierabend in der Firma. Ich bin auf dem R\u00fcckweg nach Hause und teile mir das Taxi mit zwei Chinesinnen &#8211; die Frau des Fabrikleiters und eine weitere Mitarbeiterin. Die beiden auf der R\u00fcckbank, ich shotgun neben dem Taxifahrer. 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