{"id":2000,"date":"2016-09-03T18:22:57","date_gmt":"2016-09-03T18:22:57","guid":{"rendered":"https:\/\/sofagoesabroad.wordpress.com\/?p=2000"},"modified":"2016-10-17T07:54:32","modified_gmt":"2016-10-17T07:54:32","slug":"blau-in-blau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sofagoesabroad.de\/en\/blau-in-blau\/","title":{"rendered":"Blau in Blau"},"content":{"rendered":"<p>Man kann es kaum glauben, aber es hat mich voll erwischt. Ich bin noch ganz bewegt, ganz verzaubert, ganz ger\u00fchrt.<\/p>\n<p>Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, heute die Stadt zu erkunden und endlich mal einen Eindruck von Tunis zu bekommen. Endlich mal zu sehen, wo ich mich denn eigentlich befinde. Endlich vergleichen zu k\u00f6nnen. Das Neue und das Alte.<\/p>\n<p>Aber dann \u00fcberfiel mich so eine ungewohnte Scheu davor, hinauszugehen und alleine in die unbekannte Stadt zu fahren. Pl\u00f6tzlich wurde mir erst bewusst, dass ich mich in den letzten Jahren so ungef\u00e4hr nie alleine in etwas Neues gewagt hatte. Immer ging ich mit anderen oder ging dorthin, wo andere schon auf mich warteten. Diese Unsicherheit, diese Barriere vor dem n\u00e4chsten Schritt, kannte ich so gar nicht von mir. So dachte ich daran, was ich anderen in dieser Situation raten w\u00fcrde und kam schnell zum Entschluss, packte kurzerhand meine Sachen und machte mich auf den Weg.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Anstatt gleich die Riesenstadt Tunis zu erklimmen, nahm ich mir erst einmal die kleine Nachbarstadt vor. Sidi Bou Said. Dorthin kam ich f\u00fcr 50 ct mit dem Taxi und lie\u00df mich vom Taxifahrer kurz vor einem gro\u00dfen Anstieg rauslassen. Erstmals ohne auf eine Karte zu gucken machte ich mich auf den Weg und lief einfach der Nase nach. Ich lie\u00df mich treiben, hatte keine Ahnung, wo ich war und erwartete nichts.<\/p>\n<p>Durch touristische Verkaufsst\u00e4nde hindurch hielt ich den Blick gesenkt, wollte nicht schon wieder angesprochen werden. Wollte nicht wieder wie eine Touristin angesprochen werden. Anstrengend ist das, immer falsch verstanden zu werden. Irgendwann lichtete sich allerdings der Trubel und ich bog in eine kleine Gasse ein, die von Pflastersteinen ges\u00e4umt war. Die H\u00e4user waren allesamt wei\u00df, die T\u00fcren in einem sch\u00f6nen Himmelblau gestrichen und h\u00e4ufig mit Eisenelementen verziert. Am Ende der Gasse konnte ich eine blaue Wand ausmachen. War es eine Wand? Ich wagte es nicht, zu hoffen, doch wurde schnell belohnt.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich \u00f6ffnete sich mein Blickfeld, wurde weit und hell und blau. Ich war an der h\u00f6chsten Spitze des Berges angelangt, ohne es auch nur zu merken. Mein Blick flog \u00fcber kilometerweites Meer, \u00fcber verworrene Str\u00e4ucher und wolkenloses Blau. Traumhaft.<\/p>\n<p>Als ich mich nach rechts drehte entdeckte ich einen Friedhof, der ganz in wei\u00df die Bergspitze s\u00e4umte. Und auch dahinter konnte mein Blick endlos schweifen. Berge, ganz in transparentem Blau ragten hinter einer riesigen Bucht auf. Und rechts daneben: Tunis. Ich war augenblicklich beeindruckt von dieser einzigartigen Weitsicht, diesem unerwarteten \u00dcberblick, diesem unverhofften Eindruck.<\/p>\n<p>Auch als ich wieder einige Gassen herabstieg, nur um gleich wieder in eine andere Richtung nach oben geleitet werden, bot sich mir ein atemberaubender Blick. Es ist September, vor drei Tagen war Winteranfang und die Schwimmsaison ist nun angeblich vorbei. Aber was sich mir hier bot war sch\u00f6ner als jeder Sommer in Deutschland h\u00e4tte sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dort oben fand ich einen weiteren Friedhof, der besser gepflegt und neuer wirkte. Aus Marokko war ich gew\u00f6hnt, dass man im Umkreis von Friedh\u00f6fen Achtung bewahren solle. Dass man auf keinen Fall Fotos machen und sie als Nicht-Muslim nicht betreten d\u00fcrfe. Nicht selten wurden wir ermahnt, wenn wir uns zu nah dran gewagt hatten. Hier jedoch lagen die Grabsteine offen sichtbar direkt an der unbefahrenen Stra\u00dfe. Nur drei Soldaten in schwarz mit gro\u00dfen Maschinengewehren hielten hier Wache. &#8220;La mumkin an adhab?&#8221; sagte ich zu ihnen auf Hocharabisch. Es ist nicht m\u00f6glich, dass ich hineingehe, oder? Diese antworteten jedoch, ich sei sogar willkommen, mir den Friedhof anzuschauen. Marhaba! Ganz vorsichtig wagte ich mich also doch auf den Friedhof und genoss die bezaubernde Aussicht. Zudem wurden mir die Beerdigungsriten erkl\u00e4rt, von denen ich bislang auch noch nichts gewusst hatte.<\/p>\n<p>Einer der Soldaten sprach sogar gut Deutsch und der Onkel des anderen lebt in Deutschland. Ein dritter fragte mich nach Marokko aus, nachdem er meinen arabischen Akzent zun\u00e4chst nach Algerien gesteckt hatte. Ich bin Rabati, sagte ich. Ahhh, Maghrebiyya? Marokkanerin? Wie gef\u00e4llt dir Marokko? Die Marokkaner sind nicht gut, Tunesien ist viel besser! Aber h\u00f6r! Tunesien war vor der Revolution viel besser! Das war eine schlechte Idee aus Europa. Zu Tunesien passt das gar nicht! Jetzt ist vieles nicht mehr gut. Schade, dass du es vor der Revolution nicht gesehen hast!<\/p>\n<p>Er fragte mich aber auch, ob ich hier Angst vor Terroristen habe. Viele h\u00e4tten dies, sagte er. Viele w\u00fcrden sich nicht mehr nach Tunesien trauen. Aber er versicherte mir, dass es in Tunesien keine Terroristen gebe. Ich solle keine Angst haben.<\/p>\n<p>Darauf wusste ich nicht mehr viel zu antworten und verabschiedete mich bald mit einem Aischek von den freundlichen Soldaten.<\/p>\n<p>Auf dem Weg nach Hause fand ich noch eine der vielen Gelaterias, die es hier gibt. Ein Gutes bringt die N\u00e4he zu Italien also auf jeden Fall. Lecker sind hier Eis und Kaffee, die man an jeder Stra\u00dfenecke findet. Italiener habe ich hier allerdings noch nicht getroffen. Es scheinen viel eher Tunesier, die in Italien gearbeitet haben und das Beste importiert haben. So entsteht ein skurriler Mix. Aus franz\u00f6sischem Kolonialerbe mit Baguette und Boulangerie. Aus mediterranem Flair mit blau-wei\u00dfen H\u00e4usern, das Andalusien \u00e4hnelt. Und eben Gelato Originale Italiano.<\/p>\n<p>Nun werde ich gerade noch Zeugin eines Eish\u00e4ndlers, der Kinder mit Eismagie an der Nase herumf\u00fchrt. Er reicht ihnen ihre Waffel mit einer Kugeln in Gr\u00f6\u00dfe einer Melone oder gibt Ihnen ein H\u00f6rnchen, das doppelt ist, sodass ihnen am Ende nur die Waffel in der Hand bleibt. Die Kinder kreischen vor Freude und lachen herzhaft \u00fcber die Zaubertricks. Gute Laune gibt es hier also genug in diesen ersten Wintertagen bei 32 Grad. Ich f\u00fcr meinen Teil genie\u00dfe jetzt erst mal meinen Espresso und kann endlich mein Wochenende genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Gr\u00fc\u00dfe aus Tunis!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann es kaum glauben, aber es hat mich voll erwischt. 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